Andrew Tate posiert gerne mit schnellen Autos, dicken Zigarren und provoziert durch frauenverachtende Aussagen. Viele Menschen stösst das ab. Aber für seinen Lifestyle gibt es für den Influencer gerade von jungen Männern auch Applaus. In Grossbritannien offenbar so viel, dass einige Schulen koordiniert dagegen angehen. In der Schweiz ist die Lage bisher anders, doch das Phänomen beschäftigt auch hierzulande Pädagogen.
Wer ist Andrew Tate?
Andrew Tate erreicht als Influencer ein Millionenpublikum. Aufgewachsen ist der 36-Jährige in Grossbritannien. Tate machte sich erst als Kickboxer einen Namen – er gewann mehrere Weltmeisterschaften im Vollkontakt-Kickboxen. Später etablierte er sich als Selfmade-Promi, der einen luxuriösen Lifestyle pflegt und auf Instagram, TikTok, YouTube und Twitter präsent ist. Seine Inhalte sind oft provokativ: Er predigt einen hypermaskulinen Lebensstil, verherrlicht Reichtum und Macht und äussert sich abfällig über Frauen, Homosexuelle und andere marginalisierte Gruppen.
Wegen Sexismus und Chauvinismus wurde er auf vielen Plattformen zeitweise gesperrt. Seit Ende Dezember 2022 sitzt Andrew Tate in Rumänien – wohin er 2017 gezogen war, um Casinos zu gründen – in Untersuchungshaft. Zusammen mit seinem Bruder soll er Frauen Beziehungen vorgegaukelt und sie dann zur Prostitution gezwungen haben. Die rumänische Anti-Mafia-Behörde DIICOT ermittelt gegen die Brüder wegen Menschenhandels und Vergewaltigung. Anklage wurde bisher nicht erhoben, die Untersuchungshaft wurde mehrfach verlängert. Tate bestreitet alle Vorwürfe und bezeichnet sich als Opfer einer politischen Verfolgung.
Der Aufstieg eines Provokateurs
Andrew Tates Karriere begann im Sport, doch sein Durchbruch in den sozialen Medien gelang ihm mit gezielter Provokation. Er positionierte sich als Alpha-Mann, der die „Woke-Kultur“ bekämpft und traditionelle Geschlechterrollen verteidigt. Seine Botschaft ist simpel: Männer sollen dominant, reich und unabhängig sein, Frauen sollten sich unterordnen. Diese Rhetorik findet vor allem bei jungen Männern Anklang, die sich in einer sich wandelnden Gesellschaft orientierungslos fühlen.
Sein Online-Kurs „Hustler’s University“ – ein Pyramidensystem, das Mitgliedern beibringt, wie man schnell Geld verdient – brachte ihm zusätzliche Einnahmen und Popularität. Die Universität wurde später in „The Real World“ umbenannt und kürzlich geschlossen, nachdem Vorwürfe des Betrugs laut wurden. Trotz der Kontroversen wuchs seine Anhängerschaft stetig. 2022 war Andrew Tate einer der meistgesuchten Begriffe auf Google. Seine Videos wurden Milliarden Mal angesehen. Der Influencer versteht es, die Algorithmen zu bedienen: Skandale, Schockmomente und die Aura des Verbotenen steigern die Reichweite.
Die Wirkung auf junge Männer
Was macht die Faszination aus? Der Berner Oberstufenlehrer Daniel Gebauer, der seit 20 Jahren unterrichtet, hat das Phänomen in seinen Klassen beobachtet. „Auf die Frage, wer schon mal von Andrew Tate gehört habe, gingen gleich die Hände hoch. Sicher bei der Hälfte der Schüler“, berichtet er. Die Jugendlichen kennen die Vorwürfe gegen Tate und die öffentliche Meinung dazu. „Die Frauenverachtung, die homophoben Sprüche, den Rassismus: Das finden sie daneben“, sagt Gebauer. Dennoch spreche Tates Kaltschnäuzigkeit die jungen Männer an: „Dass jemand seine Meinung sagt, ohne gefallen zu wollen, imponiert ihnen.“
Handkehrum ist die Suche nach einem neuen Männlichkeitsverständnis nicht so einfach. Ständig von allen Seiten darüber belehrt zu werden, was man darf und was nicht, ist für Jugendliche eine zwiespältige Erfahrung. Andrew Tate biete eine einfache, klare Antwort: Früher war alles besser, Männer sollen wieder die Hosen anhaben. Diese Botschaft wirkt besonders in Zeiten der Unsicherheit – nach der Pandemie, in einer globalisierten, digitalen Welt, in der traditionelle Arbeitsverhältnisse und Lebensmodelle zerfallen.
Der Reiz des Verbotenen
Dass Andrew Tate wegen schwerer Straftaten in Untersuchungshaft sitzt, schadet seinem Ruf nicht zwangsläufig. Im Gegenteil: Die Opfererzählung, er sei von einem „feministischen Staat“ verfolgt, stärkt seine Position bei Anhängern. Das Verbotene oder gesellschaftlich Verpönte übt einen eigenen Reiz aus – das gilt besonders für Jugendliche, die sich gegen Autoritäten stellen wollen.
Diese Dynamik ist nicht neu. Schon frühere Provokateure wie der amerikanische Streamer Ice Poseidon oder der Brite Tommy Robinson profitierten von Skandalen. Andrew Tate hat jedoch eine globale Reichweite, die durch Algorithmen multipliziert wird. Studien zeigen, dass TikTok und YouTube häufig radikale Inhalte vorschlagen, die von der Kritik an Feminismus bis hin zu offener Frauenfeindlichkeit reichen. Die Plattformen reagierten mit temporären Sperren, doch Tates Content bleibt oft in versteckter Form bestehen – etwa über Fan-Seiten oder neu angelegte Profile.
An Schweizer Schulen (noch) kein Grund zur Panik
Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer (LCH) in der Schweiz plant derzeit keine spezifischen Aufklärungskampagnen gegen Andrew Tate. Man würde aber tätig werden, wenn der Einfluss des Influencers zum Problem würde. Lehrer Daniel Gebauer sieht die Situation entspannt: Die Jugendlichen in seinen Klassen seien kritisch genug, um Tates Aussagen einzuordnen. „Sie wissen, dass seine Ansichten problematisch sind, aber sie lassen sich trotzdem faszinieren – das ist der Spagat, den wir als Pädagogen begleiten müssen.“
Gebauer hält wenig von totaler Sperrung solcher Inhalte. „Wir müssen uns mehr Mühe geben, die Jugendlichen zu verstehen, und nicht gleich abzuwerten, was sie interessiert“, betont er. Stattdessen plädiert er für eine offene Diskussion im Unterricht: Warum finden junge Männer solche Typen cool? Welche Ängste und Unsicherheiten stecken dahinter? Wie kann eine positive Männlichkeit aussehen, ohne in alte Rollenklischees zurückzufallen?
Eine Generation auf der Suche
Andrew Tate ist ein Symptom, keine Ursache. Die Gesellschaft verändert sich rasant: Geschlechterrollen werden neu verhandelt, traditionelle Machtverhältnisse bröckeln. Junge Männer wachsen mit widersprüchlichen Botschaften auf: Einerseits sollen sie einfühlsam und gleichberechtigt sein, andererseits werden ihnen in Filmen, Games und Medien oft noch die alten Heldenmythen präsentiert. In diesem Spannungsfeld suchen sie nach Identität und Orientierung.
In den USA warnen Psychologen vor einer „Männlichkeitskrise“, die durch Persönlichkeiten wie Andrew Tate und Jordan Peterson verstärkt wird. In Grossbritannien haben Schulen begonnen, Workshops zur kritischen Medienkompetenz anzubieten, um gegen die Radikalisierung durch „Manosphere“-Influencer vorzugehen. Die Schweiz steht hier vielleicht noch am Anfang, doch die Sensibilität wächst.
Die Faszination für Andrew Tate zeigt, dass es eine Lücke gibt, die von traditionellen Bildungsinstitutionen nicht gefüllt wird. Jugendliche wollen wissen, wie man erfolgreich, stark und selbstbewusst wird – ohne dass ihre Männlichkeit infrage gestellt wird. Einfache Antworten sind verlockend, aber selten richtig. Die Herausforderung für Lehrer, Eltern und die Gesellschaft besteht darin, alternative Leitbilder anzubieten, die nicht in Misogynie und Aggression abgleiten.
Andrew Tate wird vermutlich auch nach seiner möglichen Verurteilung weiter Anhänger finden. Der Nährboden – Verunsicherung, Sehnsucht nach Klarheit, digitale Echokammern – ist da. Wie die Gesellschaft damit umgeht, wird darüber entscheiden, ob solche Provokateure künftig noch mehr Einfluss gewinnen oder ob die Jugend lernt, zwischen Show und Substanz zu unterscheiden.