Die Stimmung beim AC Mailand ist nach einer katastrophalen Woche auf dem Tiefpunkt. Nachdem die Rossoneri am vergangenen Wochenende durch eine überraschende 1:2-Heimniederlage gegen Cagliari die Qualifikation für die Champions League verpasst hatten, zog Eigentümer Gerry Cardinale die Reißleine und entließ binnen weniger Stunden nahezu das gesamte Führungs- und Trainergespann. Doch während die Ultras diese Entscheidungen teilweise nachvollziehen konnten, richtet sich ihr Zorn nun gegen eine Person, die bisher unbehelligt blieb: Zlatan Ibrahimovic.
Die Massenentlassung: Ein Rundumschlag ohne Beispiel
Am Montagmorgen verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer durch die italienische Presselandschaft: Trainer Max Allegri, Sportdirektor Igli Tare, CEO Giorgio Furlani und Technischer Direktor Geoffrey Moncada wurden allesamt entlassen. Die Mitteilung des Klubs war knapp und emotionslos – ein Kontrast zu den dramatischen Ereignissen, die den Ausschlag gegeben hatten. Milan hatte am Sonntagabend gegen den abstiegsbedrohten Cagliari mit 1:2 verloren. Ein einziger Punkt hätte gereicht, um im direkten Vergleich mit dem Como-Team besser dazustehen und sich den vierten Platz zu sichern. Stattdessen rutschte Milan auf Platz fünf ab und verpasste die lukrative Königsklasse.
Die Entlassung von Allegri kam für viele nicht überraschend. Der Trainer war erst im Sommer 2024 von der Vereinsführung zurückgeholt worden, nachdem er bereits von 2010 bis 2014 erfolgreich in Mailand gearbeitet hatte. Doch die Saison 2025/26 verlief von Anfang an holprig. Milans Defensive war anfällig, die Offensive zu abhängig von Einzelaktionen. Allegris konservativer Stil kam bei den Fans nie richtig an, und nach der verpassten Champions League war das Fass übergelaufen.
Doch dass auch Sportdirektor Igli Tare und Technischer Direktor Geoffrey Moncada gehen mussten, schlug hohe Wellen. Tare, der erst im Januar 2025 von Lazio Rom gekommen war, hatte einen Ruf als Meister der Transfergeschäfte. Moncada hingegen war für die Scouting-Abteilung zuständig und galt als Entdecker junger Talente wie Francesco Camarda. Die Ultras waren bisher vor allem gegen Giorgio Furlani, den CEO, vorgegangen, der für die wirtschaftliche Führung verantwortlich war. Furlani war bereits seit Monaten Ziel von Protesten gewesen.
Zlatan Ibrahimovic: Vom Star zum Sündenbock
Das Paradoxon in dieser ganzen Affäre: Während alle anderen Führungskräfte entlassen wurden, bleibt Zlatan Ibrahimovic nicht nur im Amt, sondern bekommt sogar noch mehr Macht. Der Schwede mit bosnischen Wurzeln ist offiziell „Senior Advisor“ – ein Posten, der ihm 2019 angeboten wurde, nachdem er seine aktive Karriere beendet hatte. Ibrahimovic ist seither eine graue Eminenz im Klub, berät in strategischen Fragen, mischt bei Transfers mit und hat direkten Zugang zu Eigentümer Cardinale.
Nach der Massenentlassung traf Ibrahimovic gestern Abend im Hotel ein, in dem Cardinale übernachtet, um an einem weiteren Krisentreffen teilzunehmen. Insider berichten, dass Ibrahimovic nun eine noch zentralere Rolle bei der Neustrukturierung des Klubs einnehmen soll. Diese Entwicklung hat die Fans endgültig gegen den 44-Jährigen aufgebracht.
Die Ultras hängten am Dienstag ein Banner vor dem Hauptsitz von Casa Milan auf, das unmissverständlich klarstellt: „Niemand darf bleiben: Ibra jetzt auch raus.“ Der Protest richtet sich nicht nur gegen Ibrahimovics erweiterte Befugnisse, sondern auch gegen seine Rolle während der gesamten Saison. Viele Fans werfen Ibrahimovic vor, sich zu sehr in sportliche Entscheidungen eingemischt zu haben, ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Sie erinnern an umstrittene Spielerempfehlungen – etwa die Verpflichtung von Alvaro Morata, die sich als Flop entpuppte, oder die Beharrlichkeit auf einen Systemwechsel, der nie wirklich funktionierte.
Dass Ibrahimovic als einziger aus der Führungsriege verschont blieb, sehen die Fans als Beleg für eine ungleiche Behandlung. „Er war Teil des Problems, nicht der Lösung“, sagt ein Sprecher der Ultras. „Wenn Cardinale einen Neuanfang will, muss er auch Ibrahimovic gehen lassen.“
Die historische Rolle von Zlatan Ibrahimovic beim AC Mailand
Um die aktuelle Wut der Fans zu verstehen, muss man einen Blick auf Ibrahimovics wechselhafte Geschichte mit dem Klub werfen. Der Schwede spielte bereits von 2010 bis 2012 für Milan und war maßgeblich am Gewinn des Scudetto 2011 beteiligt. Nach Stationen in Paris, Manchester und Los Angeles kehrte er im Januar 2020 nach Mailand zurück – in einer Phase, als der Klub tief in der sportlichen Krise steckte. Mit 38 Jahren war Ibrahimovic der älteste Feldspieler der Liga, aber sein Führungsstil und seine Torgefahr halfen, Milan zurück in die Champions League zu führen. In der Saison 2021/22 gewann er mit Milan sogar die Meisterschaft – seinen ersten Scudetto nach elf Jahren Titeldürre.
Seine zweite Amtszeit war jedoch von Verletzungen geprägt. Ibrahimovic kämpfte mit Knieproblemen und konnte nur noch selten über 90 Minuten durchspielen. Nach der Saison 2022/23 beendete er seine aktive Karriere und wechselte nahtlos in die Rolle des Senior Advisors. Seither ist er nicht mehr auf dem Platz, aber seine Aura und sein Einfluss sind geblieben. Für viele Fans ist er eine Legende – aber auch eine, die man loslassen muss, wenn sie dem Verein schadet.
Die wirtschaftliche Dimension: Cardinales Strategie
Eigentümer Gerry Cardinale, der über seinen Fonds RedBird Capital seit 2022 die Mehrheit an Milan hält, verfolgt eine klare finanzielle Agenda. Er will den Klub nachhaltig wirtschaftlich aufstellen, die Schulden abbauen und die Marke globalisieren. Die verpasste Champions League ist ein harter Schlag für diese Pläne: Die Einnahmen aus der Königsklasse belaufen sich auf mindestens 60 Millionen Euro pro Saison – Geld, das Milan schmerzlich fehlen wird. Cardinale hat bereits angekündigt, dass der Kader im Sommer verkleinert und die Gehaltskosten gesenkt werden müssen.
In diesem Kontext ist es nachvollziehbar, dass Cardinale Ibrahimovic behält. Der Schwede ist ein wandelndes Marketing-Asset. Sein Name zieht Sponsoren an, seine Social-Media-Reichweite ist enorm. In China, den USA und Skandinavien ist Ibrahimovic eine Marke für sich. Cardinale braucht diese Strahlkraft, um die wirtschaftlichen Verluste durch die verpasste Champions League zumindest teilweise zu kompensieren. Für ihn ist Ibrahimovic weniger ein Sportfunktionär als ein globales Aushängeschild.
Doch die Fans interessieren sich nicht für Bilanzzahlen. Sie wollen sportlichen Erfolg und sehen Ibrahimovic als Hindernis dafür. Die Ultras haben bereits angekündigt, ihre Proteste zu intensivieren, sollte Ibrahimovic nicht entlassen werden. „Wir werden jedes Spiel, jedes Training, jede Pressekonferenz nutzen, um unseren Unmut kundzutun“, heißt es in einem Statement.
Die Suche nach einem neuen Trainer und Sportdirektor
Während die Fans auf dem Banner weitermachen, arbeitet die Vereinsführung hinter den Kulissen an der Nachfolge. Medienberichten zufolge hat Cardinale bereits Gespräche mit mehreren Kandidaten geführt. Als heißester Anwärter auf den Trainerposten gilt der ehemalige Barça-Coach Xavi Hernández, der in Katar ein Angebot des Klubs Al Sadd erhalten haben soll, aber noch nicht unterschrieben hat. Auch der Name Antonio Conte wird gehandelt, der seit seiner Entlassung bei Tottenham im Jahr 2023 auf ein Engagement wartet. Allerdings gilt Conte als teuer und fordernd – ein Risiko in der aktuellen finanziellen Lage.
Für den Posten des Sportdirektors werden Roberto Olabe (Real Sociedad) und Giovanni Manna (Juventus) genannt. Beide haben Erfahrung im Aufbau junger Kader und könnten Milans neue Strategie unterstützen: weg von teuren Stars, hin zu talentierten Eigengewächsen und klugen, günstigeren Einkäufen. Die Scouting-Abteilung unter Moncada hatte bereits vielversprechende Arbeit geleistet – etwa mit den Verpflichtungen von Yunus Musah und Noah Okafor – doch die Umsetzung auf dem Platz blieb hinter den Erwartungen zurück.
Ausblick: Wird Ibrahimovic gehen?
Es ist unwahrscheinlich, dass Cardinale Ibrahimovic vor die Tür setzt – zumindest nicht in den nächsten Wochen. Der Eigentümer braucht Stabilität in der Führungsebene, während der Klub die neue sportliche Leitung aufbaut. Ibrahimovic kennt die Abläufe, hat gute Kontakte zu Spielervermittlern und ist loyal zu Cardinale. Doch der öffentliche Druck könnte das Blatt wenden.
Die Ultrakurve von Mailand ist eine der einflussreichsten in Italien. Sie haben schon mehrfach gezeigt, dass sie Trainer und Manager in die Knie zwingen können. 2017 zwangen sie Massimiliano Allegri zum Rücktritt, obwohl er zwei Jahre zuvor noch die Champions League erreicht hatte. 2020 eskalierten die Proteste gegen die Glazers bei Manchester United – auch wenn dies ein anderer Klub ist. Die Frage ist, wie lange Cardinale dem Druck standhalten kann.
Fest steht: Milan steht vor einem radikalen Umbau. Die Fans fordern eine komplett neue Führung – ohne Ibrahimovic. Ob sie sich durchsetzen, wird die nächsten Wochen zeigen. Solange das Banner vor Casa Milan hängt, bleibt die Stimmung explosiv.
Source: OneFootball News