Die spanische Musikerin Rosalía hat mit „Berghain“ die erste Single aus ihrem kommenden Album „Lux“ veröffentlicht. Der Song ist eine Hommage an den gleichnamigen Berliner Techno-Club und erscheint nur wenige Tage vor dem Album, das am 7. November auf den Markt kommen soll. In dem Stück singt die katalanische Künstlerin erstmals auch auf Deutsch – ein Detail, das international für Aufsehen sorgt.
Das Stück ist weit mehr als eine weitere Elektro-Pop-Nummer. Rosalía selbst beschreibt „Berghain“ als ein „Gebet für die Nacht“. Der Titel verbindet sakrale Klänge mit der bedrohlich-schönen Ästhetik des Berliner Clubs, der seit Jahrzehnten als weltweites Symbol für elektronische Kultur gilt.
Ein Song zwischen Club und Kathedrale
„Berghain“ enthält Verse auf Deutsch, Englisch und Spanisch. Der Sound vereint Orgel, Chöre und elektronische Klänge zu einer dichten, fast liturgischen Atmosphäre. Genau diese Mischung macht den Song zu einer Besonderheit: Er ist weder klassischer Popsong noch reiner Techno-Track, sondern eine Art sakrales Manifest für die Nacht.
Die Lyrics spielen mit Bildern der Hingabe und Zugehörigkeit. Eine zentrale Zeile lautet auf Deutsch: „Seine Wut ist meine Wut. Seine Liebe ist meine Liebe. Sein Blut ist mein Blut.“ Damit wird der Club nicht nur als Ort des Feierns beschrieben, sondern als eine Instanz, die Identität stiftet und Grenzen auflöst.
Björk und Yves Tumor als Gäste
Für die Single holte sich Rosalía prominente Unterstützung ins Studio. Die isländische Sängerin Björk und der Experimentalmusiker Yves Tumor sind als Feature-Gäste mit dabei. Beide Künstler:innen sind bekannt dafür, Genres zu sprengen und mit ungewöhnlichen Klangwelten zu arbeiten – eine passende Ergänzung zu Rosalías neuem Kurs.
Björk bringt ihre Erfahrung mit orchestralen Arrangements und avantgardistischer Popmusik ein, während Yves Tumor für rohe, unkonventionelle Sounds steht. Gemeinsam erschaffen die drei einen Track, der sich einer eindeutigen Kategorisierung entzieht.
Ein visuelles Konzept mit mystischer Aufladung
Das Musikvideo wurde unter der Regie von Nicolás Méndez gedreht und zwischen Berlin und Barcelona aufgenommen. Es zeigt Rosalía in Alltagsszenen, die symbolisch überhöht und mit mystischen Elementen aufgeladen werden. Begleitet wird sie dabei vom London Symphony Orchestra, das im Video ebenso präsent ist wie in der Studioaufnahme.
Die Bilder spielen mit religiösen Motiven, Licht und Schatten sowie der Spannung zwischen öffentlichem Raum und intimer Emotion. Innerhalb von weniger als 24 Stunden verzeichnete das Video auf YouTube mehrere Millionen Aufrufe – ein Beleg für die enorme internationale Aufmerksamkeit, die Rosalía derzeit genießt.
Ein neues Kapitel nach „Motomami“
Mit „Berghain“ beginnt für Rosalía eine neue künstlerische Phase. Ihr vorheriges Album „Motomami“ aus dem Jahr 2022 war von urbaner Ästhetik, Reggaeton und experimentellen Pop-Elementen geprägt. „Lux“ hingegen schlägt eine spirituellere, orchestralere Richtung ein. Die Künstlerin entfernt sich damit bewusst von den Sounds, die sie international bekannt gemacht haben.
Rosalía, die mit bürgerlichem Namen Rosalía Vila Tobella heißt, wurde in Sant Esteve Sesrovires bei Barcelona geboren und machte zunächst mit einer unkonventionellen Neuinterpretation des Flamenco auf sich aufmerksam. Bereits ihr Debütalbum „Los Ángeles“ (2017) und das Folgewerk „El mal querer“ (2018) zeigten ihren Willen, traditionelle spanische Musik mit modernen Einflüssen zu verschmelzen.
Mit „Motomami“ gelang ihr dann der internationale Durchbruch. Das Album wurde von Kritiker:innen gefeiert und brachte ihr zahlreiche Auszeichnungen ein. Nun setzt „Lux“ noch einmal einen Kontrapunkt: Statt urbaner Attitüde dominieren Chöre, Streicher und eine fast meditative Stimmung.
Berghain als kulturelles Phänomen
Der Berliner Berghain-Club ist nicht nur ein Ort für Techno-Partys, sondern längst ein globales Kulturphänomen. Das ehemalige Heizkraftwerk in Berlin-Friedrichshain gilt als einer der berühmtesten Clubs der Welt. Berühmt ist die strenge Türpolitik, das Fotografierverbot im Inneren und die legendären langen Partynächte.
Für viele Musiker:innen ist der Berghain eine Inspirationsquelle. Rosalía reiht sich mit ihrer Single in eine lange Liste von Künstler:innen ein, die den Club als kreativen Impuls nutzen. In den vergangenen Jahren wurde der Berghain sogar als Opernort und Konzertbühne entdeckt – etwa durch Auftritte von Orchestern während der Pandemie, als Partys nicht möglich waren.
Diese Verbindung von Hochkultur und Clubkultur spiegelt sich auch in Rosalías Song wider. Die Mischung aus Orgelklängen und elektronischen Beats entspricht genau der Ästhetik des Berghain, der einst in einem Industriegebäude untergebracht war und heute als Tempel der elektronischen Musik gilt.
Spiritualität und elektronische Experimente
Bereits in den vergangenen Jahren experimentierte Rosalía mit religiösen Bildern und Symbolen. In „El mal querer“ verarbeitete sie Motive aus der Bibel und der Marienverehrung. Auch in „Berghain“ tauchen solche Elemente auf: Die Orgel, der Chor und die lateinisch anmutende Stimmung erzeugen eine sakrale Aura, die ungewöhnlich für einen Song ist, der einem Techno-Club gewidmet ist.
Dass Rosalía dabei auf Deutsch singt, ist kein Zufall. Die deutsche Sprache habe für sie eine besondere Klangfarbe, die gut zu der strengen, aber hypnotischen Atmosphäre des Tracks passe. Die Zeile „Seine Wut ist meine Wut, seine Liebe ist meine Liebe, sein Blut ist mein Blut“ wird im Song beinahe wie eine Litanei wiederholt.
Die Zusammenarbeit mit dem London Symphony Orchestra unterstreicht den Anspruch, den Rosalía an ihr neues Werk hat. Die Streicher- und Chorarrangements verleihen dem Stück eine Tiefe, die über die übliche Popproduktion hinausgeht. Unterstützt wird diese Wirkung durch die Produktion, die elektronische Beats mit akustischen Instrumenten verschmelzen lässt.
Ein Album in vier Akten
„Lux“ wird 18 Lieder enthalten, die in vier Akte gegliedert sind. Damit greift Rosalía ein Konzept auf, das sie bereits in „El mal querer“ verfolgt hatte. Damals basierte das Album auf einer mittelalterlichen Novelle; nun scheint das neue Werk stärker von Spiritualität und existenziellen Fragen geprägt zu sein.
Neben Björk und Yves Tumor sind auf dem Album weitere namhafte Gäste zu hören. Die portugiesische Fado-Sängerin Carminho, die spanische Flamenco-Sängerin Estrella Morente und die katalanische Musikerin Silvia Pérez Cruz wirken mit. Das London Symphony Orchestra unter der Leitung von Daníel Bjarnason sorgt für den orchestralen Rahmen.
Die Ankündigung des Albums sorgte bereits vorab für große Aufregung. In Madrid sorgte Rosalía mit einem Überraschungsauftritt auf der Plaza de Callao für Begeisterung, als das Albumcover auf die großen Leinwände des Platzes und der Gran Vía projiziert wurde. Diese Aktion unterstreicht den Anspruch, „Lux“ als Gesamtkunstwerk zu präsentieren – musikalisch, visuell und performativ.
Eine Hymne ohne direkten Clubbezug?
Eine konkrete Verbindung zum Berghain wird in dem Song nicht direkt genannt. Es bleibt offen, ob Rosalía bei einem persönlichen Besuch in dem Club zu dem Stück inspiriert wurde. Die Texte und die Atmosphäre deuten jedoch darauf hin, dass es ihr nicht um eine dokumentarische Beschreibung geht, sondern um die Übertragung eines Gefühlszustands.
Der Berghain wird bei Rosalía zur Chiffre für Freiheit, Rausch und Zugehörigkeit. In ihrer Interpretation ist der Club weniger ein konkreter Ort als vielmehr eine spirituelle Instanz – ein Raum, in dem Menschen ihre Identität ablegen und etwas Größerem begegnen können.
„Seine Wut ist meine Wut. Seine Liebe ist meine Liebe. Sein Blut ist mein Blut.“ Diese Worte fassen zusammen, worum es in „Berghain“ geht: um die Auflösung der Grenze zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Heiligem und Profanem. Rosalía überwindet mit dieser Single nicht nur musikalische Genres, sondern auch sprachliche Grenzen.
Source: euronews News