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Wie China sich auf ein Russland nach Putin vorbereitet

Jul 05, 2026  Twila Rosenbaum  5 views
Wie China sich auf ein Russland nach Putin vorbereitet

Der jüngste Gipfel zwischen Chinas Staatschef Xi Jinping und Russlands Präsident Wladimir Putin brachte nur wenige spektakuläre Ergebnisse hervor. Vor allem eine Vereinbarung über den Bau der Gaspipeline Kraft Sibiriens 2 blieb aus. Beobachter sehen jedoch ein weitaus bedeutsameres Signal: Peking bereitet sich im Hintergrund bereits auf ein Russland nach Putin vor und verankert die Beziehungen zunehmend in Institutionen und Eliten, die den Kremlchef überdauern werden. Zu diesem Schluss kommen die Analysten des China-Russia Report.

Dass Putins Besuch in Peking im Mai kaum große Wirtschaftsabkommen hervorbrachte, steht im Kontrast zur immer weitreichenderen Rhetorik chinesischer Staatsmedien und offizieller Verlautbarungen über die „grenzenlose Partnerschaft“ beider Staaten. Statt neue Verträge in den Mittelpunkt zu stellen, betonte Peking immer wieder den langfristigen und institutionellen Charakter der Beziehungen. Nach Einschätzung von Beobachtern verfolgt China damit bewusst das Ziel, die Partnerschaft mit Moskau von der Person Putins zu lösen.

„Wladimir Putins jüngster Besuch in Peking liefert weitere Hinweise darauf, dass Xi Jinping und die Kommunistische Partei Chinas ihre Beziehungen zu Moskau institutionalisieren, um auf einen möglichen Machtwechsel vorbereitet zu sein“, schreibt Joseph Webster, Senior Fellow des Atlantic Council und Herausgeber des unabhängigen China-Russia Report. China rechne zwar nicht zwingend mit einem baldigen Führungswechsel, bemühe sich aber darum, die Beziehungen zu Russland breiter aufzustellen und den Kontakt zur russischen Gesellschaft – insbesondere zu den Eliten – auszubauen.

Hinter dieser Strategie steht Pekings Wunsch, eine seiner wichtigsten strategischen Partnerschaften gegen die Unsicherheiten einer alternden russischen Führung abzusichern. Putin ist inzwischen 73 Jahre alt und hält die Macht weiterhin fest in der Hand. Dennoch scheint China zunehmend Netzwerke aufzubauen, die auch einen späteren Machtwechsel überstehen. Die chinesische Führung hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie langfristig denkt – sei es in der Wirtschaftsplanung, der Technologieentwicklung oder der Außenpolitik. Der Umgang mit Russland bildet hier keine Ausnahme.

Institutionen statt Einzelpersonen

Diese Entwicklung folgt auf mehrere Jahre institutionellen Ausbaus innerhalb der rasch wachsenden Brics. Dort entstehen zunehmend gemeinsame Strukturen der Schwellenländer, die unabhängiger vom westlich dominierten internationalen System sein sollen. Beschleunigt wurde dieser Prozess durch den Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten sowie die stärker transaktionsorientierte Außenpolitik der USA unter Präsident Donald Trump. Die Brics-Gruppe hat sich in den letzten Jahren von einem loser Verbund großer Schwellenländer zu einem Forum mit eigener Entwicklungsbank und Reservefonds entwickelt. China nutzt diese Plattform, um seine Beziehungen zu Russland in einen multilateralen Rahmen einzubetten, der weniger von bilateralen Launen abhängt.

Parallel dazu entwickelte sich die sogenannte CRINK-Gruppe – bestehend aus China, Russland, Iran und Nordkorea. Dabei handelt es sich weniger um ein formelles Bündnis als um eine pragmatische wirtschafts- und sicherheitspolitische Kooperation, deren Mitglieder trotz teils erheblicher Differenzen gemeinsame geopolitische Ziele verfolgen. Beobachter sprechen von einer neuen Form asymmetrischer Diplomatie, in der sich überschneidende nationale Interessen wichtiger sind als ideologische Übereinstimmung. China hat dabei eine führende Rolle übernommen, da es sowohl wirtschaftlich als auch diplomatisch die größte Durchschlagskraft besitzt.

Ein besonders sichtbares Zeichen dieser Strategie ist der Ausbau der zwischenmenschlichen Kontakte. Nach Angaben von Alexander Gabujew, Direktor des Carnegie Russia Eurasia Center, hat ein kaum beachtetes Visaabkommen den Austausch zwischen China und Russland stark beschleunigt. Während Putins Besuch in Peking im September 2025 kündigte Xi überraschend an, dass Russen für bis zu 30 Tage visafrei nach China reisen dürfen. Moskau reagierte nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit mit einer entsprechenden Regelung. Im vergangenen Jahr reisten daraufhin rund zwei Millionen Russen nach China – die meisten nach Einführung der Visafreiheit. Inzwischen wurde die Regelung bis Ende 2027 verlängert.

Parallel wachsen der Tourismus, der akademische Austausch, die kulturelle Zusammenarbeit und die Wirtschaftsbeziehungen. China betrachtet diese Kontakte zunehmend als Instrument, um langfristig Einfluss auf die künftigen politischen, wirtschaftlichen und technologischen Eliten Russlands zu gewinnen. Besonders stark betonen chinesische Stellen inzwischen den Bildungsbereich. Mehrere Erklärungen nach dem Gipfel bezeichneten Bildung als strategische Säule der bilateralen Beziehungen. Das Jahr 2026 wurde offiziell zum gemeinsamen „Jahr der Bildung“ erklärt. Hunderte russische Studierende erhalten Stipendien für ein Studium in China, und immer mehr chinesische Universitäten bieten Studiengänge in russischer Sprache an.

Auch Russland bemüht sich seit Jahren darum, seine Außenpolitik stärker zu institutionalisieren. Nach Einschätzung des russischen Politikwissenschaftlers Dmitri Trenin setzt das Außenministerium heute deutlich stärker auf dauerhafte Beziehungen zwischen Ministerien und Behörden als auf persönliche Kontakte zu einzelnen Staats- und Regierungschefs – anders als noch in den 1990er-Jahren. Ein Beispiel dafür war das Verhältnis zu Armenien. Nachdem Nikol Paschinjan infolge der Samtenen Revolution 2018 an die Macht gekommen war, galt er zunächst nicht als natürlicher Verbündeter Moskaus. Dennoch schlossen Putin und Paschinjan zahlreiche Wirtschafts- und Energieabkommen. Erst die Rückeroberung Bergkarabachs durch Aserbaidschan im September 2023 führte zu einer schweren Belastung der Beziehungen.

Wenige Abkommen, viele Botschaften

Trotz hoher Erwartungen kehrte Putin ohne mehrere wichtige Vereinbarungen aus Peking zurück. Weder wurde ein Durchbruch bei der seit Jahren geplanten Gaspipeline Kraft Sibiriens 2 erzielt noch gab es Fortschritte beim Ausbau der Erdölleitung aus Ostsibirien nach Nordchina. Stattdessen bemühten chinesische Politiker und Staatsmedien immer wieder Formulierungen, die sinngemäß für „stetigen Fortschritt über lange Zeit“ stehen. Diese Wortwahl zog sich durch Berichte der Parteizeitung People’s Daily, der Global Times und des chinesischen Außenministeriums.

In einem Leitartikel hieß es, die sich kontinuierlich vertiefende umfassende strategische Zusammenarbeit zwischen China und Russland verleihe der Entwicklung beider Länder, dem Wohlergehen ihrer Bevölkerung sowie Frieden und Stabilität weltweit neue Dynamik. Dauerhafte gute Nachbarschaft, umfassende strategische Kooperation und gegenseitig vorteilhafte Zusammenarbeit bildeten die drei tragenden Säulen einer nachhaltigen Entwicklung der bilateralen Beziehungen. Nach Ansicht Websters zeigt diese Rhetorik, dass Peking den langfristigen Ausbau der Partnerschaft inzwischen höher bewertet als kurzfristige wirtschaftliche Erfolge.

Die chinesisch-russische Zusammenarbeit basiert nicht auf vollständiger Interessengleichheit. Im Gegenteil: Peking und Moskau verfolgen zunehmend unterschiedliche wirtschaftliche Prioritäten. Xi erklärte nach dem Gipfel, beide Staaten sollten ihre jeweilige nationale Entwicklung und Erneuerung durch eine qualitativ hochwertige strategische Zusammenarbeit fördern und gemeinsam an einem gerechteren internationalen Ordnungssystem arbeiten. Die Formulierung sei bewusst gewählt, meint Webster. China ist der größte Energieimporteur der Welt, Russland zählt zu den größten Exporteuren. Diese wirtschaftliche Ergänzung – Rohstoffe auf der einen, ein riesiger Absatzmarkt auf der anderen Seite – bildet das Fundament ihrer Zusammenarbeit.

Der Konflikt im Persischen Golf verdeutlichte zugleich die unterschiedlichen Interessen: Während steigende Öl- und Gaspreise Chinas Wirtschaft belasteten, profitierten Russlands Exporterlöse davon erheblich. Chinesische Verlautbarungen sprechen deshalb zunehmend sowohl von gemeinsamen als auch von jeweiligen nationalen Interessen. Diese pragmatische Haltung ermöglicht es beiden Seiten, trotz Divergenzen an der strategischen Partnerschaft festzuhalten.

Während die offiziellen Erklärungen Bildung und Kultur hervorheben, gehen viele Analysten davon aus, dass sich auch die sicherheitspolitische Zusammenarbeit deutlich vertieft. Demnach haben China, Russland und Nordkorea dem Iran in den vergangenen Jahren militärisches Know-how sowie Satellitenaufklärung zur Verfügung gestellt. Zugleich halten alle Beteiligten am Prinzip der Nichteinmischung fest. Deshalb dürfte aus der Kooperation kaum ein formelles Militärbündnis entstehen. Gleichwohl hat sich die militärische Zusammenarbeit seit 2022 erheblich ausgeweitet – etwa durch gemeinsame Marinepatrouillen, Flüge strategischer Bomber und immer komplexere Militärmanöver. Die chinesische Marine hat in den letzten Jahren mehrfach russische Häfen angelaufen, und es gibt Berichte über gemeinsame Übungen im Pazifik und im Indischen Ozean.

Langfristige Strategie

Westliche Beobachter bezeichneten Russland lange als „Tankstelle mit Fahne“ oder jüngst als bloßes Rohstofflager Chinas. Tatsächlich vertiefen sich die Beziehungen zwischen Peking und Moskau jedoch kontinuierlich. Zugleich baut Russland seine diplomatische Präsenz in Afrika, Asien, dem Nahen Osten und Lateinamerika aus. China kommt diese Entwicklung gelegen. Chinesische Staatsmedien stellen die Partnerschaft konsequent als langfristige strategische Entscheidung dar, die unabhängig von einzelnen politischen Führungspersönlichkeiten Bestand haben soll.

Russland bleibt für Peking deshalb unverzichtbar – als Lieferant günstiger Energie, militärischer Technologie und wichtiger Rohstoffe. Ebenso wichtig ist jedoch Moskaus diplomatische Unterstützung im gemeinsamen Bestreben, die von den USA dominierte internationale Ordnung herauszufordern. In Peking scheint man sich bewusst zu sein, dass Putin nach mehr als drei Jahrzehnten an der Macht Russland nicht dauerhaft führen wird. Die geopolitische Konkurrenz zu den Vereinigten Staaten dürfte dagegen noch lange bestehen bleiben. Deshalb setzt China nicht allein auf den Kremlchef. Stattdessen investiert Peking zunehmend in Institutionen, Eliten und gesellschaftliche Netzwerke, die die Beziehungen zwischen beiden Ländern auch nach einem späteren Machtwechsel in Moskau tragen sollen.

Diese Strategie ist nicht neu. Bereits in den 2010er Jahren begann China, seine Investitionen in Russland zu diversifizieren und auf langfristige Projekte zu setzen. Die Ausweitung des Schienenverkehrs zwischen beiden Ländern, der Aufbau gemeinsamer Technologieparks und die zunehmende Zahl von Handelsdelegationen sind Ausdruck dieses Ansatzes. Auch die gemeinsame Arbeit in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) hat dazu beigetragen, die Beziehungen auf eine breitere Basis zu stellen. Die SOZ, zu der auch zentralasiatische Staaten gehören, dient als Plattform für Sicherheitskooperation und wirtschaftliche Integration.

Ein weiterer Aspekt ist die wachsende Bedeutung von Kultur und Medien. Chinesische Fernsehserien und Filme werden in Russland immer beliebter, und umgekehrt gibt es in China ein wachsendes Interesse an russischer Literatur und Kunst. Die chinesische Regierung fördert diesen Austausch, um ein positives Bild von China in der russischen Gesellschaft zu verankern. Junge Russen, die in China studiert haben oder durch Austauschprogramme mit dem Land in Kontakt gekommen sind, könnten in Zukunft Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Politik einnehmen. Genau darauf setzt Peking: auf eine Generation von Entscheidungsträgern, die China nicht als Bedrohung, sondern als Partner betrachten.

Allerdings birgt diese Strategie auch Risiken. Sollte in Russland nach Putin ein Führer an die Macht kommen, der eine stärker nationalistische oder gar anti-chinesische Politik verfolgt, könnten die investierten Milliarden und die aufgebauten Netzwerke an Wert verlieren. China ist sich dieser Gefahr bewusst und versucht daher, die Beziehungen so breit und tief wie möglich zu gestalten, um sie widerstandsfähig gegen politische Schocks zu machen. Die in den letzten Jahren geschlossenen Abkommen über die Nutzung des Rubels und des Yuan im bilateralen Handel, der Ausbau von Energiepipelines und die gemeinsamen Infrastrukturprojekte sind allesamt als langfristige Investitionen zu verstehen, die nicht von einer einzelnen Person abhängen.

Die militärische Zusammenarbeit zwischen Peking und Moskau hat ebenfalls eine neue Qualität erreicht. Zwar gibt es kein formelles Militärbündnis, aber die gemeinsamen Manöver werden immer ambitionierter. Im Jahr 2025 führten die Streitkräfte beider Länder die bislang größte gemeinsame Luft- und Seemanöver im Pazifik durch, an der auch nuklearfähige Bomber beteiligt waren. Diese Übungen senden ein Signal an die USA und ihre Verbündete in der Region, dass China und Russland in Sicherheitsfragen an einem Strang ziehen. Gleichzeitig dienen sie dazu, die Interoperabilität der Streitkräfte zu erhöhen und das gegenseitige Vertrauen zu stärken.

Ein weiteres wichtiges Element ist die Zusammenarbeit in der Raumfahrt. China hat Russland eingeladen, sich an seinem Raumstationsprogramm zu beteiligen, und beide Länder arbeiten an gemeinsamen Mondmissionen. Diese Projekte sind nicht nur technologisch anspruchsvoll, sondern auch symbolträchtig: Sie zeigen, dass die Partnerschaft nicht auf die Erde beschränkt ist, sondern auch den Weltraum umfasst. Gerade in einer Zeit, in der die USA versuchen, China und Russland technologisch zu isolieren, gewinnt diese Kooperation an strategischer Bedeutung.

Die Energiepolitik ist und bleibt jedoch das Fundament der Beziehungen. Russland ist Chinas zweitgrößter Öllieferant, und die Gasexporte haben durch den Krieg in der Ukraine noch einmal zugenommen. Die Verzögerung beim Bau der Pipeline Kraft Sibiriens 2 ist ein Beispiel dafür, dass China nicht bereit ist, jeden Preis zu zahlen. Peking verhandelt hart und nutzt seine stärkere Verhandlungsposition aus. Dennoch ist absehbar, dass das Projekt irgendwann realisiert wird, da beide Seiten darauf angewiesen sind. Russland braucht neue Absatzmärkte für sein Gas, nachdem Europa seine Importe drastisch reduziert hat, und China braucht saubere Energie für seine Wirtschaft.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass China mit bemerkenswerter Weitsicht handelt. Statt sich allein auf Putins Wohlwollen zu verlassen, wird die Partnerschaft auf vielen Ebenen gefestigt: wirtschaftlich, militärisch, kulturell und gesellschaftlich. Sollte Putin eines Tages abtreten oder abgelöst werden, wird China in Moskau auf eine Elite treffen, die das Land kennt und mit ihm zusammenarbeiten will. Diese Strategie ist ein Lehrstück für langfristige geopolitische Planung – und ein Warnsignal für den Westen, der oft zu kurzfristig denkt.


Source: Berliner Zeitung News


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