Der britische Gesundheitsminister Wes Streeting ist am Donnerstag überraschend zurückgetreten. Der 43-Jährige begründete den Schritt in einem schriftlichen Statement auf der Plattform X mit dem Verlust des Vertrauens in Premierminister Keir Starmer. Es wäre »unehrenhaft und prinzipienlos«, im Amt zu bleiben, schrieb Streeting. Zudem sei klar, dass Starmer »die Labour-Partei nicht in die nächste Parlamentswahl« führen werde. Labour-Abgeordnete und Gewerkschaften wollten, »dass die Debatte über die Zukunft ein Kampf der Ideen ist, nicht der Persönlichkeiten oder kleinlicher Fraktionskämpfe«.
Mit dem Rücktritt ist der offene Machtkampf in der britischen Labour-Partei in eine entscheidende Phase getreten. Streeting kündigte an, Starmer um den Parteivorsitz herauszufordern. Mit dem Posten des Parteivorsitzenden ist zugleich das Amt des Premierministers verbunden, das Starmer im Falle einer Niederlage abgeben müsste. Britische Medien hatten bereits seit Tagen über einen bevorstehenden Rücktritt spekuliert.
Die Krise der Labour-Partei
Hintergrund der Krise ist das desaströse Abschneiden der Labour-Partei bei den Kommunal- und Regionalwahlen in der vergangenen Woche. Die Partei musste massive Verluste hinnehmen, vor allem zugunsten der Rechtspopulisten von Reform UK mit Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage. In der Folge war Starmer von etlichen Abgeordneten öffentlich zum Rücktritt aufgefordert worden, doch der Premier hielt an seinem Amt fest. Streetings Schritt dürfte die Krise weiter verschärfen.
Die Wahlniederlage war nicht die erste ihrer Art. Seit dem Amtsantritt von Starmer im Juli 2024 hat Labour in Umfragen kontinuierlich an Zustimmung verloren. Wirtschaftliche Stagnation, eine angespannte Lage im Gesundheitswesen und die anhaltende Wohnungskrise nagen an der Glaubwürdigkeit der Regierung. Dazu kommen interne Querelen und wechselnde Personalentscheidungen, die den Eindruck von Chaos und Führungsschwäche verstärken. Reform UK profitiert von dieser Unzufriedenheit und hat sich als starke Kraft etabliert.
So funktioniert die Führungswahl
Um Starmer herauszufordern, benötigt Streeting die Unterstützung von 81 der über 400 Labour-Abgeordneten, also 20 Prozent. Diese müssen ihn nominieren. Gelingt das, wird eine Urabstimmung unter Labour-Mitgliedern und weiteren Wahlberechtigten ausgelöst. Weitere Kandidatinnen und Kandidaten könnten sich mit jeweils 81 Unterstützern aus der Fraktion bewerben. Starmer stünde als amtierender Parteichef automatisch zur Wahl. Über den zeitlichen Ablauf entscheidet das Exekutivkomitee der Partei. Letztmals gewann Starmer eine Wahl für den Parteivorsitz im April 2020, nachdem sein Vorgänger Jeremy Corbyn seinen Rücktritt angekündigt hatte.
Die Regeln für eine Führungswahl sind in der Labour-Partei seit Jahren umstritten. Früher genügte eine einfache Mehrheit im Wahlkollegium aus Abgeordneten, Mitgliedern und Gewerkschaften. Heute gilt das Prinzip »One Member, One Vote«, wobei auch angeschlossene Organisationen wie Gewerkschaften Stimmrechte haben. Eine Kampfabstimmung über den Parteivorsitz ist selten, aber nicht ohne Präzedenzfall. Zuletzt wurde 2015 Ed Miliband durch Jeremy Corbyn herausgefordert und verlor.
Streeting – der ewige Aufsteiger
Streeting gilt als ehrgeizig und machthewusst, aber keineswegs als unumstritten. Im linken Lager der Partei ist er verhasst, weil er sich immer wieder gegen progressive Positionen gestellt hat. Zudem pflegte er ein enges Verhältnis zum Labour-Veteranen Peter Mandelson, der wegen seines Kontakts zu Jeffrey Epstein in den Sog des Missbrauchsskandals um den verstorbenen US-Multimillionär geriet. Das belastet Streeting in einer Partei, die nach außen hin moralische Integrität betont.
Streeting kam 2024 als Gesundheitsminister ins Kabinett, nachdem Labour die Unterhauswahl deutlich gewonnen hatte. Zuvor hatte er mehrere Jahre als Schattenminister fungiert. In seinem Ministerium machte er vor allem durch kontroverse Reformvorschläge von sich reden, etwa die stärkere Einbindung privater Kliniken in den staatlichen Gesundheitsdienst NHS. Das brachte ihm Kritik von links ein, aber auch Anerkennung bei Wirtschaftsliberalen. Seine Anhänger halten ihn für den einzig glaubwürdigen Erneuerer, der die Partei aus der Defensive führen könnte.
Geboren wurde Wes Streeting 1983 in London. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf, studierte Politikwissenschaften und engagierte sich früh in der Studierendenpolitik. Vor seinem Einzug ins Unterhaus 2015 arbeitete er als Politiker und Interessenvertreter. Sein Aufstieg innerhalb der Labour-Fraktion war steil, aber nicht ohne Rückschläge. Zeitweise galt er als Favorit für eine spätere Parteiführung, doch seine Nähe zu umstrittenen Figuren wie Mandelson und sein teils arrogantes Auftreten machten ihn angreifbar.
Wer sonst noch antreten könnte
Mehrere Namen werden bereits gehandelt. Dem Bürgermeister von Manchester, Andrew »Andy« Burnham, werden größere Chancen eingeräumt, das Geschick der Labour-Partei herumzureißen. Der 56-Jährige genießt in der Bevölkerung hohes Ansehen, sitzt aber derzeit nicht im Parlament. Die dafür nötige Rückkehr ins Unterhaus wurde vom Labour-Führungskreis Anfang des Jahres verhindert – offenbar, um eine Konkurrenz für Starmer zu vermeiden. Ob sich Burnham nun doch noch in Position bringen kann, ist fraglich.
Von der Parteilinken brachte sich überraschend Ex-Vizepremierministerin Angela Rayner ins Spiel. Die 46-Jährige war im September 2025 wegen einer zu gering entrichteten Grunderwerbsteuer von ihrem Posten als Wohnungsbauministerin und stellvertretende Regierungschefin zurückgetreten. Nun sei die fällige Steuer entrichtet und sie vom Verdacht der Steuerhinterziehung entlastet, berichtete der »Guardian«. Rayner hatte stets beteuert, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Dem »Guardian« gegenüber deutete sie nun an, bei einer Wahl für den Parteivorsitz antreten zu wollen.
Rayner könnte vor allem die linke Parteibasis hinter sich vereinen. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, hat sich als Sozialarbeiterin hochgearbeitet und gilt als scharfzüngige Rednerin. In Umfragen unter Labour-Mitgliedern schneidet sie regelmäßig besser ab als Starmer. Allerdings machen ihr ihre fehlende wirtschaftspolitische Erfahrung und ihr Hang zu populistischen Tönen zu schaffen.
Das Ringen um die Richtung
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Streeting die nötigen Nominierungen erhält. Die Lage ist komplex: Viele Labour-Abgeordnete fürchten, dass ein offener Machtkampf die Partei weiter schwächen könnte. Andere sehen in einem Führungswechsel die letzte Chance, den Aufstieg von Reform UK zu stoppen. Nigel Farage dürfte der Streit in der Regierungspartei in die Hände spielen. Umfragen sehen Reform UK inzwischen gleichauf oder sogar vor Labour.
Keir Starmer selbst zeigt sich vorerst unbeeindruckt. Ein Sprecher des Premierministers versicherte noch am Donnerstagmorgen, der Regierungschef habe »vollstes Vertrauen« in seinen Gesundheitsminister. Diese Formulierung gilt in britischen Politikerkreisen allerdings längst als Zeichen dafür, dass das Verhältnis alles andere als gut ist. Nur wenige Stunden später trat Streeting zurück.
Nun beginnt das Ringen um die Zukunft der Labour-Partei. Die Urabstimmung, sollte sie zustande kommen, würde die Partei in ihren Grundfesten erschüttern. Es geht nicht nur um Personen, sondern um die strategische Ausrichtung: Soll Labour weiterhin auf wirtschaftliche Vernunft und gemäßigte Töne setzen, wie es Starmer vertritt? Oder braucht es einen politischen Neuanfang mit mehr sozialer Gerechtigkeit und einer klaren Abgrenzung nach rechts?
Die nächsten Tage werden zeigen, ob Streeting genügend Unterstützung aus der Fraktion bekommt. Erste Reaktionen von Abgeordneten deuten darauf hin, dass die Stimmung in der Partei gespalten ist. Einige loben seinen Mut, andere werfen ihm vor, die Partei in eine riskante Abenteuer zu stürzen. Fest steht: Die britische Regierung steckt in ihrer schwersten Krise seit dem Amtsantritt von Keir Starmer.
Source: Spiegel News