Die Diskussionen um Imane Khelif reißen nicht ab. Bei den Olympischen Spielen in Paris ist die algerische Boxerin ins Halbfinale eingezogen – doch nach ihrem Viertelfinal-Sieg gegen die Ungarin Anna Luca Hamori stand nicht der Sport im Mittelpunkt, sondern die erneute Gender-Debatte. Nach dem Kampf verließ Khelif unter Tränen den Ring und floh regelrecht in die Kabine. Kurze Statements gegenüber TV-Sendern gab es noch, dann wurde sie von mehreren Ordnern und Betreuern gestützt. Ihre Trainer schimpften in Richtung Journalisten und winkten sauer ab. Die Bilder gingen um die Welt.
Die Vorgeschichte: Ein Wettkampf voller Kontroversen
Schon vor dem Kampf hatte die Auseinandersetzung zwischen Khelif und Hamori für Schlagzeilen gesorgt. Die Ungarin hatte die Algerierin im Vorfeld als „Muskel-Bestie“ bezeichnet und gesagt: „Wenn sie oder er ein Mann ist, wird es ein größerer Sieg für mich sein, wenn ich gewinne.“ Diese Aussagen sorgten für zusätzliche Spannung in der Arena und heizten die ohnehin hitzige Debatte um Khelif weiter an. Bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr war die 25-Jährige wegen eines Geschlechtstests suspendiert worden. Bei Olympia ist sie jedoch startberechtigt – das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat ihre Teilnahme ausdrücklich erlaubt.
IOC-Präsident Thomas Bach stellte sich vor dem Kampf klar hinter Khelif. „Sie wurde als Frau geboren, ist als Frau aufgewachsen, hat einen Pass als Frau und hat als Frau Wettbewerbe bestritten“, sagte Bach und betonte zugleich: „Hass-Kommentare sind absolut inakzeptabel.“ Damit reagierte er auf die zunehmend aggressive Stimmung in den sozialen Netzwerken, in denen Khelif immer wieder angegriffen wird. Auch die algerische Öffentlichkeit unterstützt ihre Boxerin mit großer Leidenschaft. Mehrere hundert algerische Fans machten in der Arena ordentlich Lärm und übertönten die wenigen kritischen Stimmen. Von Pfiffen gegen Khelif fehlte jede Spur – die gab es ausschließlich für ihre Gegnerin Hamori.
Der Kampf: Klare Sache für die Algerierin
Im Ring trafen Khelif und Hamori zum ersten Mal aufeinander. Beide klatschten fair ab, dann begann der Kampf. Khelif kam zunächst nicht so einfach durch wie noch in ihrem vorherigen Kampf gegen die Italienerin Angela Carini, die nach nur 46 Sekunden aufgeben hatte. Doch im Laufe der ersten Runde fand die Algerierin immer besser ins Geschehen und landete immer wieder schwere Treffer gegen die Ungarin. Jeder Schlag wurde von den algerischen Fans lautstark bejubelt. Alle fünf Punktrichter – aus den USA, Argentinien, Kanada, der Mongolei und Sri Lanka – gaben Khelif die Runde einstimmig mit 10:9.
In der zweiten Runde steigerte sich Khelif weiter. Immer, wenn sie nach vorn ging, war sie erfolgreich. Wenn sie Hamori kommen ließ, ebenso. Ein besonders harter Schlag brachte die Ungarin leicht ins Wanken. Erneut gewann Khelif die Runde klar, diesmal bewertete der Punktrichter aus der Mongolei die Runde sogar mit 10:8. Damit stand Hamori gehörig unter Druck. Sie musste nun alles riskieren, um die Algerierin auszuknocken. In einem Moment brachte sie Khelif tatsächlich zu Boden, aber es war die falsche Sportart – im Boxen ist ein Ringdown nicht erlaubt. Die algerischen Fans sangen derweil „Ime! Ime! Ime!“ und feierten ihre Athletin.
In der dritten Runde kontrollierte Khelif das Geschehen erneut souverän. Am Ende stand ein klarer Sieg für die Algerierin. Tobender Applaus hallte durch die Halle, während Khelif ihren Erfolg zunächst verhalten genoss. Doch die Emotionen brachen schnell aus ihr heraus. Schon wenige Minuten nach dem Kampfbeginn rannte sie unter Tränen in ihre Kabine. Die Szene erinnerte an ihren vorherigen Kampf, als sie nach dem umstrittenen Sieg gegen Carini ebenfalls in Tränen aufgelöst war und von Betreuern gestützt werden musste.
Reaktionen aus Ungarn: Fairness und sportliche Entscheidungen
Nach dem Kampf wollten sich weder das ungarische IOC-Mitglied Balasz Fürjes noch Hamori selbst zu den Diskussionen um Khelif äußern. Fürjes gab jedoch eine Stellungnahme ab: „Wir als Ungarn sind immer für einen fairen Wettbewerb. Wir können nur daran glauben, dass alle Kämpfe im Ring entschieden werden und nicht woanders. Wir sind davon überzeugt, dass sportlich entschieden werden muss. Deshalb war es für uns und Luca keine Option, dass Luca nicht antritt.“ Weiter sagte er: „Die ganze Situation wird mit Sicherheit noch einmal aufgearbeitet und wir sind 100 Prozent überzeugt, dass das IOC die richtigen Entscheidungen treffen wird.“
Für Khelif ist Bronze bereits sicher, denn im olympischen Boxen erhalten beide Halbfinal-Verlierer eine Bronzemedaille. Am Dienstag kämpft sie auf dem legendären Court Philippe Chatrier auf dem Gelände von Roland Garros um den Einzug ins Finale. Der Court, eigentlich bekannt für das Tennis-Turnier der French Open, wird für die Olympischen Boxwettbewerbe genutzt. Die Möglichkeit auf Gold ist für Khelif also zum Greifen nah.
Hintergrund: Wer ist Imane Khelif?
Imane Khelif wurde am 2. Mai 1999 in Aïn Sidi Ali, einer kleinen Gemeinde in der Provinz Laghouat in Algerien, geboren. Sie begann im Alter von 16 Jahren mit dem Boxen und hat sich seitdem zu einer der bekanntesten Sportlerinnen ihres Landes entwickelt. Bei den Afrikaspielen 2022 gewann sie die Goldmedaille, bei den Mittelmeerspielen im selben Jahr ebenfalls. Zudem nahm sie bereits an den Olympischen Spielen in Tokio 2021 teil, schied dort allerdings im Viertelfinale gegen die spätere Goldmedaillengewinnerin Kellie Harrington aus Irland aus.
Bei der Weltmeisterschaft 2023 in Neu-Delhi war sie allerdings überraschend von den Titelkämpfen ausgeschlossen worden. Der Weltverband IBA (International Boxing Association) hatte bei Khelif und einer weiteren Athletin Auffälligkeiten bei einem Geschlechtstest festgestellt. Die IBA erklärte, die beiden Boxerinnen hätten den Tests nicht standgehalten. Die Details wurden jedoch nie vollständig veröffentlicht. Khelif selbst betonte stets, dass sie eine Frau sei und alle Wettkämpfe nach den Regeln bestritten habe. Das IOC erkannte die Suspendierung nicht an und ließ sie bei den Olympischen Spielen in Paris zu.
Der Konflikt zwischen dem IOC und der IBA ist bekannt. Das IOC hatte die IBA zuvor wegen anhaltender Finanz- und Führungsprobleme als Weltverband nicht mehr anerkannt. Die Olympischen Boxwettbewerbe werden in Paris daher unter der Aufsicht des IOC durchgeführt. Die Entscheidung, Khelif zuzulassen, basiert auf den Regeln, die bereits bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro und Tokio galten. Demnach ist das Geschlecht im Pass entscheidend, nicht ein einzelner Test.
Weltweite Debatte: Zwischen Sport und Ideologie
Die Debatte um Khelif hat längst eine politische und gesellschaftliche Dimension erreicht. In vielen Ländern wird über die Teilnahme von Athletinnen mit erhöhten Testosteronwerten oder bestimmten chromosomalen Merkmalen gestritten. Auch andere Athletinnen wie die südafrikanische Läuferin Caster Semenya wurden in der Vergangenheit mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Die Wissenschaft ist sich uneinig, wie mit solchen Fällen umzugehen ist, und auch die Sportverbände haben keine einheitliche Linie.
Befürworter von Khelifs Teilnahme argumentieren, dass sie ein Leben lang als Frau gelebt habe und sich selbst als Frau identifiziere. Gegner fordern dagegen strengere Regeln und mehr Klarheit bei Geschlechtstests. Der Fall Khelif zeigt, wie komplex das Thema ist. Während der Kampf gegen Hamori sportlich wenig Spannung bot, war die emotionale Belastung für die Algerierin offensichtlich. Die Tränen nach dem Sieg waren vermutlich nicht nur Freude über den Erfolg, sondern auch Ausdruck des enormen Drucks, der auf ihr lastet.
Auch in Algerien wird das Thema kontrovers diskutiert. Die einheimischen Medien feiern Khelif als Heldin und sehen in den Angriffen aus dem Ausland eine Verschwörung gegen den afrikanischen und arabischen Sport. Andere Stimmen fordern mehr Zurückhaltung und Respekt vor den Regeln des Sports. Die algerische Regierung stellte sich jedoch demonstrativ hinter ihre Athletin. Sportminister Abderrahmane Hammad sagte, Khelif sei ein Vorbild für alle jungen Mädchen in Algerien.
Der Fall wird wahrscheinlich auch nach den Olympischen Spielen weiter für Diskussionen sorgen. Das IOC hat angekündigt, die Richtlinien für Geschlechtstests überarbeiten zu wollen. Bis dahin gilt, was IOC-Präsident Bach bereits vor dem Kampf betonte: Entscheidend sei das im Pass eingetragene Geschlecht. Daran wolle man sich auch in Paris halten.
Khelif selbst hielt sich in den Tagen vor dem Kampf bedeckt. Sie veröffentlichte auf Instagram ein kurzes Video, in dem sie sich bei ihren Fans bedankte und schrieb: „Ich bin stark, ich bin eine Frau, ich bin eine Kämpferin.“ Nach ihrem Sieg über Hamori zeigte sie jedoch ihre verletzliche Seite. Die Tränen in ihren Augen sprachen Bände. Es war ein Moment, der die Zuschauer bewegte – und gleichzeitig die Kontroverse um ihre Person nicht verstummen ließ.
Am Dienstag wird Khelif nun auf dem Court Philippe Chatrier in Roland Garros um Gold kämpfen. Die Atmosphäre dürfte erneut elektrisierend sein, denn die algerischen Fans werden alles dafür tun, ihre Athletin lautstark zu unterstützen. Für Khelif geht es nicht nur um eine Medaille, sondern um die Bestätigung, dass sie zu den besten Boxerinnen der Welt gehört – unabhängig von allen Debatten um ihre Person. Die Sportwelt blickt gespannt auf diesen Kampf.
Source: bild.de News