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San-Cayetano-Wallfahrt in Buenos Aires: Erzbischof teilt kräftig gegen Javier Milei aus

Aug 09, 2026  Twila Rosenbaum  4 views
San-Cayetano-Wallfahrt in Buenos Aires: Erzbischof teilt kräftig gegen Javier Milei aus

Am Freitag hat der Erzbischof von Buenos Aires bei der traditionellen San-Cayetano-Wallfahrt deutliche Worte in Richtung der Regierung von Präsident Javier Milei gefunden. Vor Tausenden Gläubigen in der Kirche im Stadtteil Liniers sowie auf den umliegenden Straßen sagte Jorge García Cuerva: „San Cayetano, hier ist dein Volk, das müde ist von gebrochenen Versprechen und von Verantwortungsträgern, die zwar über die Armen sprechen, ihren tatsächlichen Nöten jedoch fern sind und selbst ein gutes Leben führen.“

Die jährliche Wallfahrt am 7. August zählt zu den größten Argentiniens. Sie ist dem Schutzpatron von Brot und Arbeit gewidmet. In diesem Jahr lautete das Motto: „San Cayetano, hier ist dein Volk.“ Schon am Vorabend hatten sich zahlreiche Menschen vor der Kirche versammelt, um an der ersten Messe teilzunehmen. Viele von ihnen hofften auf Hilfe in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Eine Frau berichtete: „Ich habe drei Kinder und mein Mann ist arbeitslos. Ich bin zum ersten Mal hier. Ich möchte, dass San Cayetano uns hilft.“

Der Erzbischof sprach in seiner Predigt von einem Volk, „das sich nicht damit abfinden will, dass Arbeit zur bloßen Ware wird und man zwei oder mehr Arbeitsstellen haben muss, um bis zum Monatsende über die Runden zu kommen, oder in die Kreditfalle gerät, die unzählige Familien verschuldet und erdrückt.“ Diese Worte trafen den Kern der sozialen Lage in Argentinien, das unter einer der höchsten Inflationsraten der Welt leidet. Die offizielle Arbeitslosenquote ist laut Statistikbehörde von 6,9 Prozent im ersten Quartal 2023 auf 7,8 Prozent im gleichen Zeitraum des Jahres 2026 gestiegen. Dieser moderate Anstieg ist jedoch nur die halbe Wahrheit: Viele entlassene Arbeitnehmer haben sich in prekäre Beschäftigungsverhältnisse bei digitalen Plattformen wie Uber gerettet. Gleichzeitig sind die Realeinkommen deutlich gesunken.

Die Löhne halten mit der Teuerung nicht Schritt. Besonders die Tarife für Wasser, Gas und Strom sowie die Ticketpreise im öffentlichen Nahverkehr sind in den vergangenen Monaten drastisch gestiegen. In vielen Haushalten reicht das Einkommen nicht mehr bis zum Monatsende. Immer mehr Menschen geraten allein beim Kauf von Lebensmitteln in die private Verschuldungsfalle. Der Erzbischof machte diese Entwicklung zum zentralen Thema seiner Predigt. Er kritisierte, dass der wirtschaftliche Wohlstand „den gewöhnlichen Bürger niemals zu erreichen scheine“ und dass Menschen „im Müll nach Essen suchen müssen“.

Erzbischof folgt der Tradition der katholischen Soziallehre

Jorge García Cuerva steht in der Tradition seines Amtsvorgängers, des verstorbenen Papstes Franziskus. Beide vertreten die katholische Soziallehre, die eine gerechte Verteilung des Wohlstands fordert. Für den libertären Präsidenten Javier Milei ist genau diese Haltung ein Dorn im Auge. Er bezeichnet sie wiederholt als „Diebstahl“ und „nichts weiter als rhetorischer Neid“. Milei, der seit Dezember 2023 im Amt ist, verfolgt einen radikalen Sparkurs und baut den Staat massiv zurück. Seine Regierung kürzt Subventionen, dereguliert Märkte und entlässt Tausende Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Das Ziel: die Inflation besiegen und den Haushalt sanieren.

Die San-Cayetano-Wallfahrt ist in Argentinien ein Symbol für den Kampf um Arbeit und soziale Gerechtigkeit. Bereits in den 1930er Jahren, während der Weltwirtschaftskrise, pilgerten Arbeiter zu dem Heiligen, um Arbeit und Brot zu bitten. Auch unter der Militärdiktatur (1976–1983) und während der schweren Wirtschaftskrise 2001 war die Wallfahrt ein Ort des stillen Protests. In diesem Jahr nutzten erneut viele Menschen die Gelegenheit, ihrer Wut über die Politik der Regierung Luft zu machen. Auf dem Weg von der Kirche San Cayetano in Liniers zur Plaza de Mayo vor dem Präsidentenpalast zogen Tausende Demonstranten. Unter der Losung „Für Frieden, Brot, Land, Wohnen und Arbeit“ hatten Gewerkschaften, Vereinigungen der informell Beschäftigten, soziale Basisorganisationen und linke Parteien zu dem Protestmarsch aufgerufen.

Der Erzbischof rief die Gläubigen dazu auf, nicht zu verstummen: „Stumm sind wir, wenn wir nicht mehr aussprechen, was uns schmerzt, wenn wir uns still und passiv damit abfinden, dass alles immer teurer wird.“ Seine Worte fanden bei vielen Pilgern Zustimmung. In der Schlange vor der Kirche standen Familien mit Kindern, ältere Menschen und junge Arbeitslose. Händler entlang der Straßen boten Rosenkränze, Heiligenbilder, religiöse Figuren, Medaillen und Kerzen an. Bis in den späten Abend hinein zogen die Gläubigen an der Statue des Heiligen vorbei, der das Jesuskind in seinen Armen trägt.

Die Kritik des Erzbischofs richtet sich nicht nur gegen die konkrete Politik Mileis, sondern auch gegen eine gesellschaftliche Haltung, die den Profit über den Menschen stellt. Er sprach von einem Volk, „das müde ist von gebrochenen Versprechen“. Damit spielte er auf Wahlversprechen Mileis an, der im Wahlkampf angekündigt hatte, die Wirtschaft zu stabilisieren und die Kaufkraft zu stärken. Stattdessen haben sich die Lebenshaltungskosten weiter erhöht, während die Löhne stagnieren. Besonders betroffen sind Geringverdiener und Rentner, die einen immer größeren Teil ihres Einkommens für Grundnahrungsmittel und Energiekosten aufwenden müssen. Viele Familien können sich keine privaten Gesundheitsdienste mehr leisten und sind auf die überlasteten öffentlichen Krankenhäuser angewiesen. Auch die Mieten sind in den Ballungszentren stark gestiegen, was zu einer wachsenden Obdachlosigkeit führt.

Die Regierung Milei verweist dagegen auf erste Erfolge: Die Inflationsrate ist von über 200 Prozent im Jahr 2024 auf rund 40 Prozent im Jahr 2026 gesunken. Auch das Haushaltsdefizit wurde reduziert. Doch die soziale Lage bleibt angespannt. Laut einer Studie der Katholischen Universität Argentiniens leben rund 45 Prozent der Bevölkerung in Armut. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, überhaupt eine Arbeit zu finden, die ein würdiges Leben ermöglicht. Der Arbeitsmarkt ist geprägt von Informalität: Schätzungsweise die Hälfte aller Beschäftigten arbeitet ohne Sozialversicherung und arbeitsrechtlichen Schutz.

Die San-Cayetano-Wallfahrt ist in diesem Kontext mehr als eine religiöse Veranstaltung. Sie ist ein Barometer der sozialen Stimmung im Land. Die Botschaft des Erzbischofs, die in den nationalen Medien breit diskutiert wurde, zeigt den wachsenden Konflikt zwischen der katholischen Kirche und der Regierung. Bereits in den vergangenen Monaten hatten sich kirchliche Vertreter wiederholt kritisch zu Mileis Sozialkürzungen geäußert. Der Präsident reagierte darauf mit Spott und nannte die Kirche rückwärtsgewandt. Die Auseinandersetzung erinnert an die Zeit, als Papst Franziskus als Erzbischof von Buenos Aires ebenfalls ein scharfer Kritiker der neoliberalen Politik war.

Während die Demonstranten in der Hauptstadt zur Plaza de Mayo zogen, wurde in den sozialen Netzwerken erneut über die Zukunft des Landes diskutiert. Unterstützer der Regierung verteidigten den Sparkurs und verwiesen auf die langfristigen Ziele. Kritiker hingegen betonten die unmittelbaren sozialen Verwerfungen. Viele Ökonomen warnen vor einer dauerhaften Spaltung der Gesellschaft. Die Kirche fordert einen Dialog zwischen Regierung und Zivilgesellschaft, um die sozialen Folgen der Reformen abzumildern. Der Erzbischof formulierte es in seiner Predigt so: „San Cayetano, hier ist dein Volk, das müde ist von gebrochenen Versprechen.“

Die Wallfahrt endete am späten Abend mit einem feierlichen Segen. Doch die politischen Debatten, die sie ausgelöst hat, sind noch lange nicht beendet. Für viele Argentinier bleibt die Frage offen, wie lange sie die wirtschaftliche Belastung noch ertragen können. Der Schutzpatron von Brot und Arbeit wird auch im nächsten Jahr wieder im Mittelpunkt stehen – sofern sich die Lage bis dahin nicht grundlegend verbessert hat.


Source: taz.de News


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