Am 17. März 2014 gab Beyoncé Knowles das erste von zwei Konzerten in der Kölner Lanxess-Arena. 16.000 Menschen erlebten im Rahmen der „The Mrs. Carter Show“ eine Produktion, die auf maximale Wirkung angelegt war: eine elfköpfige Band, ein großer Tänzerstab, wechselnde Kostüme, scharfe Videobilder und eine Stimme, die über vier Oktaven reichte. Die Show war technisch brillant, bis ins Detail kontrolliert und von einer Präzision geprägt, die eher an eine Maschine als an einen spontanen Konzertabend erinnerte.
Die wichtigsten Fakten
- Auftritt: Beyoncé Knowles am 17. März 2014 in der Lanxess-Arena in Köln.
- Rahmen: „The Mrs. Carter Show“, erstes von zwei Konzerten in Köln.
- Publikum: rund 16.000 Fans.
- Besetzung: elfköpfige Band, Tänzerinnen und Tänzer, aufwendige Bühnen- und Videoproduktion.
- Stimme: hohe Klarheit, Soul-Phrasierungen, Umfang über vier Oktaven.
- Showablauf: Kostümwechsel nach jeweils drei Songs, Aerobic-Einlagen, Videointerludes.
- Musik: unter anderem „Girls (Run the World)“, „Crazy in Love“, „Single Ladies (Put a Ring on It)“, „Haunted“, „XO“, „Irreplaceable“, „Halo“, „Drunk in Love“ und „I Will Always Love You“.
- Besonderheit: gegen Ende ein Auftritt auf einer kleinen Bühne in der Mitte des Publikums.
- Eindruck: vokale und choreografische Perfektion, aber wenig emotionale Nähe.
Ein lebender Superlativ
Wenn jede Zeit den Popstar hat, den sie verdient, dann muss das Leben gegenwärtig ziemlich anstrengend sein. Beyoncé Knowles verkörpert seit Jahren eine Philosophie der maximalen Anstrengung: antreten, alles geben und dabei so aussehen, als koste es keine Mühe. In dem Dokumentarfilm „Life Is But A Dream“ beschreibt sie genau diese Haltung. Ihr Vater schickte sie als Mädchen aus Texas einst zum Training, sie sollte um den Block laufen und dabei singen, weil sie auch auf der Bühne lernen musste, sich anzustrengen, ohne die Anstrengung zu zeigen.
Diese Disziplin hat sich ausgezahlt. Beyoncé ist der größte Popstar der Welt. In den späten neunziger Jahren gehörte sie der Mädchenband Destiny’s Child an, die nahezu jede Veröffentlichung an die Spitze der Charts brachte. Später sang sie bei den Amtseinführungen von Barack Obama, und sie ist mit Jay Z verheiratet, einem der erfolgreichsten und prominentesten Rapper. Ihre Karriere ist eine Kette von Superlativen, die sich nicht nur auf Musik, sondern auch auf Marketing, Choreografie und visuelle Inszenierung erstreckt.
Eine Show in HD-Qualität
In Köln zeigte sich diese Perfektion von ihrer technischsten Seite. Zu Beginn ließ Beyoncé einen mächtigen Vorhang mit ihrem Namen von der Hallendecke fallen. Dahinter erschien eine Videowand, auf der sie sich als Marie Antoinette inszenierte, weiß geschminkt und historisch überhöht. Noch während das Publikum über die Bedeutung dieser Bilder nachdachte, ging das Licht aus. Als es wieder anging, stand Beyoncé in der Bühnenmitte, blickte herausfordernd ins Publikum und begann mit „Girls (Run the World)“. In dem Song heißt es sinngemäß, sie wisse, dass man es liebe, dass sie klug genug sei, Millionen zu verdienen.
Die Bühne war ein hochgerüsteter Apparat. Eine elfköpfige, enorm laute Band thronte auf zwei großen Podesten im Hintergrund. Nach jedem dritten Lied verschwand Beyoncé für einen Kostümwechsel, während ihre Tänzerinnen und Tänzer die Pausen mit Aerobic-Nummern von geometrischer Aggressivität überbrückten. Dazu liefen Videoeinspieler mit Bienenschwärmen, Sonnenuntergängen und Szenen, in denen Beyoncé als Hausfrau, Femme Fatale oder Beach Babe auf Yachten und Hubschrauberlandeplätzen posierte. Jedes Bild war scharf, jede Bewegung einstudiert, jeder Übergang geplant.
Kein Moment der Ruhe
Die Produktion war auf Überwältigung angelegt. Momente der Ruhe gab es kaum. Das entspricht einem Muster aktueller Superstar-Konzerte: Applaus wird nicht mehr als eigenständiger Teil des Abends genossen, sondern ist nur noch Bestandteil eines durchgehenden Soundteppichs. Songs werden selten vollständig gespielt. Stattdessen werden sie zu Medleys verarbeitet. Von „Crazy in Love“, einem von Beyoncés größten Hits, hörte das Publikum nur den Refrain, bevor das Stück in „Single Ladies (Put a Ring on It)“ überging. Die Musik diente als Energiestrom, der möglichst keine Lücke zuließ.
Dennoch blieb Raum für stimmliche Details. Immer wieder setzte die Band aus, und Beyoncé phrasierte allein weiter. Sie steigerte ihre „Aahhaahaas“ und „Ouhouhouoos“ über vier Oktaven, ließ Soul-Gesten erkennen und zeigte eine stimmliche Kontrolle, die ihresgleichen sucht. Das Publikum jubelte über diese vokalen Highend-Schwelgereien, es schrie, klatschte und fotografierte. Weil das Geschehen auf zwei gigantische Leinwände an den Seiten der Bühne übertragen wurde, richteten viele Fans ihre Smartphones nicht auf die echte Beyoncé, sondern auf ihr vergrößertes Abbild.
Die beste unter den Big Four
Unter den sogenannten Big Four des Pop ist Beyoncé sicher die beste Musikerin. Sie überragt Rihanna, Lady Gaga und inzwischen auch Madonna an stimmlicher Klasse, an tänzerischer Präzision und an der Fähigkeit, Musik und Bild zu einer Gesamtkomposition zu verbinden. Wer ihr im Dezember ohne Vorankündigung veröffentlichtes Album „Beyoncé“ hört, erkennt, wie mutig und virtuos sie die Möglichkeiten des R’n’B ausschöpft. Großartige Nummern wie „Haunted“ und „XO“ gehörten in Köln ebenso zu den Höhepunkten wie ältere Stücke wie „Irreplaceable“ und „Halo“.
Die Show bewies, dass Beyoncé auf technisch höchstem Niveau arbeitet. Sie bewies aber auch, wie schwer es ist, in einer derart durchgeplanten Produktion Nähe herzustellen. Jede Emphase wirkte simuliert. Wenn sie in „Drunk in Love“ Laszivität andeutete, war das keine Erotik, sondern der Verweis auf eine Leerstelle. Man suchte nach Webfehlern und Laufmaschen, nach Sentiment und Offenbarung, nach Menschlichkeit in der maschinenhaften Präzision. Selbst als sie „I Will Always Love You“ anstimmte, wurde daraus keine Hommage an die verstorbene Whitney Houston, sondern ein weiterer Beleg des eigenen Könnens.
Der Appell zur Selbstoptimierung
Beyoncé verzauberte nicht, sie rief zum Appell. Der Abend wirkte wie ein Workshop, ein Boot Camp in Sachen Selbstverbesserung. In ihren knappen Zwischenansagen betonte sie, Feministin zu sein. Doch die Botschaft der Show lag weniger in politischer Emanzipation als in einer geschlechtsneutralen Leistungsideologie. Sie ist der Prototyp des modernen Individuums, das das Maximum aus seinem Dasein herausholen will. Wo Popstars früher mahnten, an das Gute und an die Liebe zu glauben, um die Welt zu verbessern, fordert Beyoncé: Sei topfit und diszipliniert, dann wirst du reich und berühmt. Und strebe die Hoheit über den eigenen Körper an, denn er ist in dieser Welt das letzte Feld persönlicher Autonomie.
Man sah diese Ikone der Selbstoptimierung im Goldflitter-Regen und vor einer Flammenwand tanzen und singen, und man staunte darüber, wie sie beides schaffte und dabei auch noch das Mikrofon hielt. Im Konzert schwärmt man gern oder träumt sich zurück in Situationen, die man mit einzelnen Liedern verbindet. Hier dachte man eher daran, dass man morgen nicht wieder ein Snickers zum Nachtisch essen sollte und vielleicht wieder joggen gehen müsste. Beyoncé ist die Tiger-Mama des Pop, die Amy Chua der Konzerthallen. „Upgrade U“ heißt einer ihrer Songs. Ihre Glaubenslehre ist die des Overachievers: Lass dich nicht gehen, agiere stets oberhalb deines Potenzials.
Das Publikum und die Smartphones
Die Distanz zwischen Star und Publikum wurde durch die Technik nicht kleiner. Die Leinwände vergrößerten Beyoncé, aber sie machten sie auch zu einem Bild. Viele Besucher verfolgten den Abend durch ihre Displays, filmten die Projektion und hielten so eine Version der Show fest, die bereits gefiltert und gerahmt war. Die echte Beyoncé stand derweil auf der Bühne, präzise, fit und kontrolliert. Die Inszenierung verstärkte den Eindruck, dass hier weniger ein Mensch als ein perfektioniertes Markenzeichen auftrat.
Gegen Ende des Konzerts sang Beyoncé einige Songs auf einer kleinen Bühne in der Mitte des Publikums. „Danke, dass Ihr Euer Geld für diesen Abend gespart habt“, sagte sie. Das war sicher nett gemeint. Es blieb jedoch ein Satz, der die ökonomische Logik des Abends eher bestätigte, als sie zu durchbrechen. Das Publikum klatschte, und die Show setzte ihren Lauf fort. Beyoncé kehrte auf die Hauptbühne zurück, absolvierte die letzten Nummern und verließ die Arena unter weiterem Applaus.
Source: RP ONLINE News