Die wichtigsten Fakten
- MrBeast heißt bürgerlich Jimmy Donaldson und ist 24 Jahre alt.
- Sein Hauptkanal hat rund 112 Millionen Abonnenten und liegt damit vor PewDiePie.
- Drei YouTube-Kanäle haben zwar mehr Abonnenten, sind aber nicht auf einen einzelnen Netzstar konzentriert und daher nicht direkt vergleichbar.
- MrBeast wurde mit aufwendigen Challenges, Geldgeschenken und wohltätigen Aktionen bekannt.
- Ein Nachbau der Spiele aus »Squid Game« mit 456 Kandidaten erreichte mehr als 300 Millionen Abrufe.
- Für ein Video ließ er einen Familienvater 100 Tage in einem roten Kreis ausharren und zahlte 500.000 Dollar.
- In einem neueren Video ging ein angeblich 2,5 Millionen Dollar teurer Privatjet an den YouTuber, der ihn am längsten ununterbrochen berührte.
- Sein Team umfasst mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
- Finanziert wird das Geschäft unter anderem durch Werbepartner, YouTube-Werbeeinnahmen, Merchandising und eine Burgerkette.
Es ist eine dieser Zahlen, die auf YouTube eine Zeitenwende markieren: Auf dem Kanal von MrBeast steht der Abo-Zähler bei rund 112 Millionen. Damit hat der Amerikaner, der bürgerlich Jimmy Donaldson heißt, PewDiePie überholt – jenen schwedischen Creator, der über Jahre als das Gesicht der Plattform galt. Der Thronwechsel ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Strategie, die auf maximale Aufmerksamkeit, hohe Produktionsbudgets und ein fein austariertes Verhältnis aus Spektakel und Wohltätigkeit setzt.
Noch wenige Jahre zuvor hatte Donaldson selbst für einen anderen Kanal geworben. Bei einem großen Sportevent warb er mit Freunden und gut sichtbaren Outfits dafür, PewDiePie zu abonnieren. Der Spruch »Sub 2 PewDiePie« wurde damals zu einem Internetphänomen. Dass MrBeast nun selbst an der Spitze steht, zeigt, wie schnell sich die Machtverhältnisse in der Creator Economy verschieben können.
Ein Überholmanöver mit Ansage
Der 1998 geborene Donaldson begann schon als Jugendlicher, Videos hochzuladen. Seine ersten Jahre auf YouTube waren von Experimenten geprägt: Gaming-Kommentare, Alltagsbeobachtungen, einfache Challenges. Vieles davon blieb ohne größere Reichweite. Der Durchbruch kam mit einem Format, das konsequent auf ein extremes Versprechen setzte: In einem Video zählte er stundenlang bis 100.000. Die Aktion war absurd, langwierig und gerade deshalb bemerkenswert. Sie zeigte zum ersten Mal jene Mischung aus Ausdauer, Übertreibung und dokumentarischer Nähe, die später zum Markenzeichen wurde.
Danach entwickelte Donaldson seine Inhalte systematisch weiter. Statt einzelner Mutproben traten zunehmend aufwendige Produktionen. Er veranstaltete Wettbewerbe, verschenkte Geld, baute Hindernisparcours und setzte auf klare, sofort verständliche Prämisen. Viele Videos funktionieren ohne komplizierte Vorgeschichte: Eine Gruppe von Menschen muss eine Aufgabe lösen, am Ende steht ein hoher Geldpreis. Diese einfache Dramaturgie lässt sich weltweit verstehen – ein wichtiger Grund dafür, dass MrBeast nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, Lateinamerika und Asien große Reichweiten erzielt.
Spektakel als Geschäftsmodell
Den bisher sichtbarsten Höhepunkt dieser Strategie bildete der Nachbau der Spiele aus der Serie »Squid Game«. MrBeast ließ die kulissenhaften Wettkämpfe mit 456 Kandidaten nachstellen. Das Video wurde zu einem der meistgesehenen Projekte seiner Karriere und sammelte mehr als 300 Millionen Abrufe. Der Reiz lag nicht nur in der Nachbildung einer bekannten Geschichte, sondern in der Verschiebung: Aus einer fiktionalen Serie wurde ein reales Massenexperiment mit echten Teilnehmern, echten Emotionen und einem enormen Produktionsaufwand.
Ähnlich funktionierte die Aktion mit dem roten Kreis. Ein Familienvater verbrachte 100 Tage in einem markierten Kreis, permanent von Kameras begleitet. Am Ende erhielt er 500.000 Dollar. Aus dem Material entstand ein 18-minütiges Video, das die lange Wartezeit auf wenige Höhepunkte verdichtete. Auch der angebliche 2,5 Millionen Dollar teure Privatjet, der an den YouTuber ging, der ihn am längsten ununterbrochen berührte, folgt dieser Logik: Eine simple Regel erzeugt ein Wettrennen, das Publikum fiebert mit, und am Ende steht eine finanzielle Belohnung, die weit über den Alltag der meisten Zuschauer hinausreicht.
Geld, das zurückfließt
MrBeast inszeniert sich als jemand, für den die teuren Requisiten selbst wenig bedeuten. Goldbarren, Lamborghinis und Geldbündel seien für ihn persönlich nicht wichtig, sagte er einmal. Entscheidend sei, dass sie für andere eine große Bedeutung hätten. Daraus entstehe Aufmerksamkeit, aus Aufmerksamkeit entstünden Klicks, und aus Klicks wiederum Einnahmen. Diese Einnahmen würden genutzt, um noch größere Projekte zu finanzieren. Der Kreislauf ist einfach, aber wirkungsvoll: Je spektakulärer das Video, desto größer die Reichweite; je größer die Reichweite, desto attraktiver für Werbepartner; je mehr Einnahmen, desto teurer der nächste Stunt.
Zu den Einnahmequellen zählen bezahlte Kooperationen mit Marken, die in den Videos platziert werden. Hinzu kommen Werbeeinnahmen, die YouTube im Umfeld der Videos erzielt und an Creator ausschüttet. MrBeast verkauft außerdem Merchandising-Artikel und betreibt eine Burgerkette. Das Geschäft ist damit längst nicht mehr nur ein einzelner YouTube-Kanal, sondern ein Medienunternehmen mit mehreren Standbeinen. Die hohen Ausgaben sind nicht bloß Selbstzweck, sondern Teil einer Markenstrategie: Sie machen jede neue Veröffentlichung zu einem Ereignis.
Wohltätigkeit als Teil der Marke
Zur öffentlichen Wahrnehmung von MrBeast gehört auch sein wohltätiges Engagement. Er ist an Initiativen beteiligt, die große Summen für Umwelt- und Hilfsprojekte sammeln. Die Kampagne Team Trees setzte sich 2019 das Ziel, 20 Millionen Bäume zu pflanzen; Team Seas folgte mit dem Anspruch, Millionen Pfund Müll aus Gewässern zu holen. Solche Aktionen passen zu seiner Erzählung, weil sie dasselbe Muster bedienen wie seine Challenges: ein großes, klar messbares Ziel, eine öffentlich sichtbare Kampagne und eine Gemeinschaft, die sich beteiligen kann.
Kritiker sehen darin zugleich eine perfekte Verbindung aus Charity und Marketing. Wohltätigkeit erhöht die Glaubwürdigkeit, schafft positive Schlagzeilen und macht die Marke MrBeast für ein jüngeres Publikum noch attraktiver. Befürworter betonen dagegen, dass die Projekte konkrete Summen bewegen und Millionen Menschen erreichen. Für die Bewertung des Phänomens ist wichtig, dass beides gleichzeitig gilt: Die Aktionen sind öffentlichkeitswirksam und sie bringen reales Geld in Projekte, die sonst schwerer finanzierbar wären.
Ein Unternehmen, kein Einzelkanal
Hinter den Videos steht ein Team von mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es kümmert sich um Produktion, Recherche, Schnitt, Grafik, Marketing und die Koordination der vielen Projekte. Diese Größe erklärt, warum MrBeast in der Lage ist, innerhalb kurzer Zeit aufwendige Sets zu bauen, Hunderte Teilnehmer zu betreuen und mehrere Formate parallel zu entwickeln. Der Gründer ist längst nicht mehr nur der Mann vor der Kamera, sondern der Kopf eines Unternehmens, das contentnahe Produkte, Lizenzgeschäfte und Markenpartnerschaften miteinander verbindet.
Zugleich bleibt die Abhängigkeit von der Plattform bestehen. YouTube bestimmt Reichweite, Empfehlungen und Werbepreise mit. MrBeast hat gelernt, mit dieser Abhängigkeit umzugehen, indem er mehrere Kanäle und Marken aufbaut. Doch der Hauptkanal bleibt der Motor. Seine Videos sind auf Wiedererkennbarkeit angelegt: große Lettern in den Titeln, expressive Gesichter in den Vorschaubildern, klare Regeln und ein hoher Einsatz. Das ist keine Nebensache, sondern die Grundlage dafür, dass Zuschauer in den ersten Sekunden bleiben.
Warum der Algorithmus mitspielt
MrBeast-Videos sind für die Mechanik von YouTube geradezu exemplarisch gebaut. Sie liefern ein starkes Versprechen im Titel, eine sofort erkennbare Situation und einen Verlauf, der auf ein Ergebnis zuläuft. Die Dramaturgie ist oft in mehrere Runden gegliedert, sodass Zuschauer auch nach einem Höhepunkt weitersehen. Gleichzeitig sind die Grundideen so einfach, dass sie ohne Sprachkenntnisse funktionieren. Ein Wettkampf um Geld, ein Countdown, eine letzte Person, die übrig bleibt – diese Muster sind kulturell anschlussfähig.
Die hohen Produktionskosten erhöhen zugleich die Erwartung an jedes neue Video. Was als absurd kleiner Scherz begann, muss heute ein Spektakel sein. Dieser Druck ist eine der interessantesten Entwicklungen der Creator Economy: Reichweite wird nicht nur durch Kreativität erzeugt, sondern durch die Fähigkeit, immer größere Ressourcen zu mobilisieren. MrBeast hat diesen Wettlauf nicht erfunden, aber er hat ihn auf eine Weise professionalisiert, die viele Nachahmer gefunden hat.
Was der Thronwechsel bedeutet
Der Sprung auf 112 Millionen Abonnenten ist mehr als eine persönliche Bestmarke. Er markiert den Übergang von der Ära der klassischen Let’s-Player zu einer Ära der hochproduzierten Event-Videos. PewDiePie war lange das Symbol für persönliche Nähe, Kommentar und Gaming-Kultur. MrBeast steht für ein anderes Modell: anonymisierte Hauptfigur, extrem hohe Einsätze, globale Formate und ein Team, das im Hintergrund die Maschine am Laufen hält.
Dass auf YouTube weiterhin Kanäle wie T-Series mehr Abonnenten haben, relativiert den Vergleich, aber nicht die Bedeutung des Moments. Diese Kanäle sind nicht auf einen einzelnen Netzstar konzentriert und folgen anderen Logiken. Innerhalb der Welt der persönlich geprägten Creator-Kanäle ist MrBeast nun die Nummer eins. Der Zähler auf seinem Kanal ist damit auch ein Signal an die Branche: Wer heute die größte Reichweite erreichen will, muss nicht nur unterhalten, sondern ein Unternehmen aufbauen, das Unterhaltung in immer neuen Dimensionen produzieren kann.
Source: Spiegel News