Die wichtigsten Fakten
- Abel Tesfaye, bekannt als The Weeknd, veröffentlichte am 20. August 2013 sein Album Kiss Land.
- Die Single Belong to the World enthält ein Sample aus Portisheads Machine Gun.
- Geoff Barrow erklärte, Portishead habe die Erlaubnis für die Nutzung verweigert; Tesfaye habe das Sample dennoch verwendet.
- Barrow machte seinem Unmut öffentlich Luft, wollte aber nicht als Werbeträger für die Single missverstanden werden.
- Anhänger von The Weeknd reagierten mit dem Argument, Barrow solle sich geehrt fühlen.
- Das Video zu Belong to the World stammt von Antony Mandler.
- Tesfaye gab kurz darauf sein erstes großes Interview und sagte, er habe bisher nichts zu sagen gehabt.
Ein Sample als Auslöser
Im Sommer 2013 befand sich Abel Tesfaye in einer Phase, in der aus dem geheimnisvollen Internetphänomen The Weeknd zunehmend ein echter Popstar werden sollte. Der kanadische Musiker hatte mit drei EPs aus dem Jahr 2011 – House of Balloons, Thursday und Echoes of Silence – in der HipHop- und R’n’B-Welt für Aufsehen gesorgt. Diese drei Veröffentlichungen waren 2012 als Trilogy-Box zusammengefasst worden. Nun kündigte sich mit Kiss Land das erste richtige Album an, das am 20. August 2013 erscheinen sollte. Schon vorab gab es die Single Belong to the World, zu der auch ein Kurzfilm veröffentlicht wurde. Der Song enthält ein Sample aus Portisheads Machine Gun. Was zunächst nach einer üblichen musikalischen Referenz klingt, entwickelte sich zu einem öffentlichen Streit zwischen Tesfaye und Geoff Barrow, dem Kopf von Portishead. Der Konflikt drehte sich um die Frage, ob ein Künstler ein Sample verwenden darf, wenn die angefragte Band die Erlaubnis verweigert hat.
Portishead und die Frage der Erlaubnis
Portishead gehören zu den prägenden Bands des Trip-Hop. Die Gruppe aus Bristol wurde in den 1990er-Jahren mit Alben wie Dummy und Portishead zu einem international beachteten Act. Nach einer längeren Pause meldeten sich Portishead 2008 mit Third zurück, dem Album, auf dem auch Machine Gun zu finden ist. Geoff Barrow gilt seit jeher als Musiker, der klare Positionen vertritt und sich nicht scheut, öffentlich Kritik zu äußern. Im Fall von The Weeknd schilderte er die Dinge aus seiner Sicht: Tesfaye habe zuvor bei Portishead um Erlaubnis gebeten, das Sample von Machine Gun nutzen zu dürfen. Die Band habe das nicht gewollt. Tesfaye habe das Sample dennoch verwendet. Barrow machte seinem Unmut darüber öffentlich Luft. Dabei bemühte er sich zugleich um eine gewisse Zurückhaltung, weil er nicht wollte, dass seine Kritik am Ende noch als Werbung für The Weeknds neue Single verstanden würde. Genau dieser Spagat machte den Vorgang so bemerkenswert: Einerseits war da ein klarer Vorwurf, andererseits die Sorge, dem Gegenüber zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.
The Weeknd zwischen Mysterium und Superstar-Erwartung
Abel Tesfaye war zum Zeitpunkt des Streits 23 Jahre alt. Seine Karriere hatte wenige Jahre zuvor mit einer bewusst spärlichen Öffentlichkeitsarbeit begonnen. The Weeknd trat zunächst als Projekt auf, das weniger über Interviews und Fernsehauftritte funktionierte als über Musik, Videos und eine dichte Atmosphäre. Die drei EPs House of Balloons, Thursday und Echoes of Silence zeichneten ein nächtliches, melancholisches und oft auch verstörtes Bild von Beziehungen, Drogen, Ruhm und Einsamkeit. Die Zusammenfassung als Trilogy machte das Material einem größeren Publikum zugänglich. Kiss Land sollte nun den nächsten Schritt markieren: ein Album, das die Erwartungen der eingefleischten Fans erfüllte und zugleich den Übergang in eine breitere Öffentlichkeit schaffte. In dieser Phase war jeder öffentliche Konflikt heikel. Ein Streit mit einer so angesehenen Band wie Portishead passte nicht unbedingt zum Bild des zurückhaltenden Künstlers, der lieber durch Musik als durch Reden auffällt.
Der Kurzfilm zu Belong to the World
Die Single Belong to the World wurde von einem Kurzfilm begleitet, der von Antony Mandler gedreht wurde. Mandler war zu diesem Zeitpunkt bereits für Musikvideos und visuelle Arbeiten für Künstler wie Jay-Z, Muse, Lana Del Rey und Rihanna bekannt. Seine Arbeiten zeichnen sich häufig durch cineastische Bilder, starke Kontraste und eine sorgfältig kontrollierte Ästhetik aus. Für The Weeknd bedeutete die Zusammenarbeit mit einem solchen Regisseur einen weiteren Schritt in Richtung großer Popkultur. Der Kurzfilm zum Song unterstrich den Anspruch, mehr als nur ein einfaches Musikvideo zu liefern. Gleichzeitig blieb der Song selbst eng mit der Kontroverse verbunden, weil das Portishead-Sample ein zentraler Bestandteil des Sounds war. Die visuelle Ebene und der musikalische Streit überlagerten sich: Während das Video die künstlerische Ambition von The Weeknd zeigte, rückte das Sample die Frage nach Herkunft, Erlaubnis und künstlerischer Anerkennung in den Vordergrund.
Fans, Generationskonflikt und Sampling-Kultur
Die Reaktionen der Fans fielen deutlich aus. Viele Anhänger von The Weeknd argumentierten, Geoff Barrow solle sich geehrt fühlen, dass ein jüngerer Künstler wie Tesfaye seine Band sample. Für sie war die Verwendung von Machine Gun eine Form von Respekt, eine Referenz an eine wichtige Band und eine Verbindung zwischen Generationen. Barrow und Portishead sahen das offenbar anders. Der Vorgang berührte damit ein grundsätzliches Spannungsfeld in der Popmusik: Sampling ist seit Jahrzehnten ein zentrales Mittel in HipHop, R’n’B und elektronischer Musik. Für viele Künstler ist es eine Hommage, für andere eine Form der Aneignung. Entscheidend ist oft die Frage, ob eine Erlaubnis vorliegt und ob die ursprünglichen Urheber angemessen beteiligt werden. Im Fall von Belong to the World war nach Darstellung Barrows genau diese Erlaubnis verweigert worden. Rechtlich und ethisch sind das zwei unterschiedliche Ebenen. Es gab zunächst keine bekannte Klage und keine gerichtliche Auseinandersetzung. Der Streit spielte sich vor allem öffentlich ab, in Kommentaren, Reaktionen und einer hitzigen Debatte unter Fans. Schnell war von einem Generationskonflikt die Rede: hier die ältere, renommierte Band aus Bristol, dort der junge, internetgeprägte Star aus Toronto.
Das erste Interview und die Folgen
Inmitten dieser Aufregung gab Abel Tesfaye sein erstes großes Interview. Der damals 23-Jährige sagte darin, er habe bisher schlichtweg nichts zu sagen gehabt. Seine Worte lauteten: „I felt like I had nothing to say. I still feel I have nothing to say. I’m the most boring person to talk to.“ Das war eine bemerkenswerte Aussage für einen Künstler, der gerade dabei war, zum neuen Superstar seiner Generation erklärt zu werden. Die Zurückhaltung wirkte einerseits wie eine Fortsetzung der mysteriösen Strategie, die The Weeknd von Anfang an geprägt hatte. Andererseits passte sie auffällig gut zu einem Moment, in dem ein öffentlicher Streit nach einer klaren Position verlangt hätte. Tesfaye lieferte keine ausführliche Verteidigung des Samples und keine breite Erklärung seiner künstlerischen Beweggründe. Stattdessen blieb er bei der Haltung, dass er über sich selbst kaum etwas zu sagen habe. Für Fans war das Teil des Reizes. Für Kritiker war es ein Zeichen dafür, dass der enorme Hype um The Weeknd und die tatsächliche öffentliche Präsenz des Künstlers auseinanderfielen.
Kiss Land als Wendepunkt
Kiss Land erschien am 20. August 2013 und markierte den Übergang von der mixtapegeprägten Frühphase zu einem größeren Albumprojekt. In den Monaten zuvor war die Erwartungshaltung enorm gewesen. Die Trilogy-Box hatte das alte Material gebündelt, Belong to the World lieferte einen Vorgeschmack auf den neuen Sound, und der Kurzfilm zeigte, dass The Weeknd längst nicht mehr nur ein anonymes Internetprojekt war. Der Streit mit Portishead fiel genau in diese Phase. Er sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit, stellte aber auch Fragen nach dem Verhältnis von Einfluss, Respekt und Verantwortung. Geoff Barrow hatte seine Sicht öffentlich gemacht und dabei betont, nicht als Werbeträger missbraucht werden zu wollen. Die Fans von The Weeknd hatten mit dem Argument gekontert, die Band solle sich geehrt fühlen. Tesfaye selbst blieb in seinem ersten Interview betont wortkarg. Damit standen sich drei Perspektiven gegenüber: die des sampleden Künstlers, die des ursprünglichen Urhebers und die der Fans, die den Vorgang als kulturelle Anerkennung deuteten. Am 20. August 2013 erschien Kiss Land – und der Streit um Machine Gun blieb ein frühes Beispiel dafür, wie eng künstlerische Referenz, öffentliche Erwartung und die Frage nach Erlaubnis in der Popmusik miteinander verbunden sein können.
Source: Musikexpress News