Zhang Yiming, Gründer des TikTok-Eigentümers ByteDance, ist zum ersten Mal der reichste Mensch Chinas. Mit einem Vermögen von 57,5 Milliarden Dollar führt der 41-Jährige ein internationales Milliardärsranking an und verdrängt damit den Flaschenwasser-Unternehmer Zhong Shanshan sowie den Tencent-Mitbegründer Ma Huateng. Der Aufstieg an die Spitze fällt in eine Phase, in der ByteDance stärker als je zuvor zwischen globaler Expansion, politischen Risiken und technologischer Innovation steht.
Ein Vermögen auf Basis von ByteDance
Zhang hält nach Angaben aus Unternehmenskreisen eine Beteiligung von rund 21 Prozent an ByteDance. Sein Reichtum ist damit eng an die Bewertung des Konzerns gekoppelt, zu dem neben TikTok auch die chinesische Video-App Douyin, die Nachrichtenplattform Toutiao und eine wachsende Zahl weiterer digitaler Dienste gehören. TikTok allein erreicht mehr als eine Milliarde Nutzer. Für Zhang ist diese Konzentration auf ein einziges Unternehmen ungewöhnlich, aber typisch für die chinesische Internetgeneration: Wer früh an einem Plattformkonzern beteiligt war, dessen Wert später explosionsartig wächst, kann in Rankings aufsteigen, ohne mehrere Firmen aufbauen zu müssen.
Warum Zhang Zhong Shanshan und Ma Huateng überholte
Der Wechsel an der Spitze hat mehrere Ursachen. Zhong Shanshan, der mit Nongfu Spring im Geschäft mit Flaschenwasser groß geworden ist, verlor Vermögen, nachdem sein Unternehmen einen Gewinnrückgang verzeichnete. Zhang profitierte dagegen von einer Neubewertung von ByteDance. Nach der Analyse von Investorenbewertungen und den Plänen des Unternehmens zum Rückkauf von Mitarbeiteraktien stieg sein Vermögen um mehr als zehn Milliarden Dollar. Ein Rückkaufprogramm bewertete ByteDance mit 312 Milliarden Dollar; der Durchschnitt aus vier Bewertungsansätzen lag bei 365 Milliarden Dollar. Solche Zahlen sind mehr als Börsennotierungen: Sie spiegeln Erwartungen an Wachstum, Werbeeinnahmen, KI-Produkte und die künftige Rolle von TikTok wider.
In der Rangliste der reichsten Menschen Asiens liegt Zhang nun auf Platz drei. Vor ihm stehen die indischen Unternehmer Mukesh Ambani und Gautam Adani. Dass ein chinesischer Technologiegründer in dieser Größenordnung auftaucht, ist für die Branche ein Signal. Es zeigt, wie stark Plattformen aus China inzwischen global wirken – und wie sehr ihr Wert von politischen Entscheidungen in Washington, Peking und anderen Hauptstädten abhängt.
TikTok in den USA: Frist bis zum 5. April
Die Zukunft von TikTok in den USA bleibt unklar. Der US-Präsident gewährte ByteDance eine 75-tägige Fristverlängerung bis zum 5. April, um einen Käufer für das US-Geschäft zu finden oder ein Verbot umzusetzen. Oracle prüft einen Vorschlag, bei dem das Unternehmen Sicherheitsgarantien abgeben und eine kleine Beteiligung an einem neuen amerikanischen Unternehmen übernehmen würde. Der einflussreiche Empfehlungsalgorithmus könnte dabei möglicherweise in chinesischen Händen bleiben. Genau dieser Punkt ist politisch heikel: Die USA wollen verhindern, dass eine Plattform mit mehr als einer Milliarde Nutzern unter dem Einfluss eines ausländischen Staates steht, während ByteDance und Peking eine erzwungene Abgabe des Kerngeschäfts ablehnen.
Der US-Präsident sagte zudem, er würde eine Senkung der gegen China verhängten Zölle in Betracht ziehen, um Pekings Unterstützung für einen Verkauf des US-Geschäfts von TikTok an ein amerikanisches Unternehmen zu gewinnen. Er prognostizierte, dass zumindest die Grundzüge eines Geschäfts bis zur nächsten Woche gesichert werden könnten; sollte keine Vereinbarung zustande kommen, wolle er die Frist verlängern. China wies einen solchen Deal allerdings zurück. Für ByteDance bedeutet das eine Doppelbelastung: Das Unternehmen muss Investoren von seinem Wachstum überzeugen und gleichzeitig in einem der wichtigsten Märkte juristisch und politisch handlungsfähig bleiben.
Von der Wohnung in Peking zu einem globalen Imperium
Zhang wurde als chinesischer Staatsbürger geboren und lebt heute in Singapur. Seine Karriere begann er als Ingenieur bei der Tourismus-Suchseite Kuxun.com. Im Jahr 2009 gründete er sein erstes Unternehmen, eine Immobiliensuchseite namens 99fang.com. Drei Jahre später verließ er das Projekt. Im Jahr 2012 gründete er in einer kleinen Wohnung in Peking ByteDance und startete die Nachrichten-App Toutiao, die innerhalb von zwei Jahren mehr als 13 Millionen tägliche Nutzer gewann. Zhang wollte eine KI-gestützte Plattform schaffen, die sich von Chinas etablierter Suchmaschine Baidu unterscheidet.
Seine damalige Strategie beschrieb er selbst mit einem klaren Abgrenzungsbedürfnis. Das Wichtigste sei, dass man kein Nachrichtenunternehmen sei, sagte er 2017 in einem Interview. Man sei eher ein Suchunternehmen oder eine Social-Media-Plattform. Man leiste sehr innovative Arbeit und sei kein Nachahmer eines US-Unternehmens, weder bei den Produkten noch bei der Technologie. Diese Aussage erklärt viel über den späteren Erfolg: ByteDance setzte früh auf maschinelles Lernen, personalisierte Empfehlungen und eine schnelle Produktentwicklung. Die Apps sollten nicht redaktionell kuratierte Inhalte liefern, sondern Nutzern das zeigen, was sie wahrscheinlich länger bindet.
TikTok, Douyin und der Sprung in die Generation Z
Im Jahr 2016 startete ByteDance die Video-Sharing-App TikTok, die in China als Douyin bekannt ist. Zunächst mit einer kleinen Fangemeinde, wurde das Produkt schnell bei der Generation Z und bei Millennials beliebt. In den folgenden Jahren wuchs es weltweit. Zwei Jahre später kaufte ByteDance den chinesischen Social-Media-Dienst Musical.ly für rund 800 Millionen Dollar und integrierte ihn in TikTok. Durch eine Reihe erfolgreicher Apps entstand ein facettenreiches Imperium aus Videos, Nachrichten, Unterhaltung und Plattformen für Themen von Witzen bis Promi-Klatsch.
Der internationale Erfolg machte ByteDance zu einem der wertvollsten privaten Technologieunternehmen der Welt. Er brachte aber auch neue Abhängigkeiten: TikTok ist in den USA zu einem politischen Streitfall geworden, in Europa wird über Datenschutz und Jugendschutz diskutiert, und in Indien wurde die App zeitweise verboten. Zhang musste lernen, dass ein Produkt, das kulturell grenzüberschreitend funktioniert, nicht automatisch politisch grenzüberschreitend akzeptiert wird.
Ein neuer Typ chinesischer Milliardär
Der Direktor des Research Center for Global Family Business an der Tsinghua University, Hao Gao, sieht in Zhang einen anderen Typ Unternehmer als frühere Generationen. Zhang unterscheide sich von den früheren Generationen chinesischer Milliardäre, weil sein Unternehmen innovativer und globaler ausgerichtet sei. Das lässt sich an der Produktpalette ablesen: ByteDance denkt Apps nicht nur für den chinesischen Markt, sondern für internationale Nutzergruppen. TikTok ist das sichtbarste Beispiel, doch auch andere Dienste werden in mehreren Sprachen und Märkten ausgerollt.
Zugleich ist Zhang kein klassischer öffentlicher Unternehmer. Er tritt selten auf, gibt wenige Interviews und hat sich 2021 aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Zunächst gab er den Posten des CEO ab, einige Monate später auch den Vorsitz des Verwaltungsrats. Viele seiner Milliardärskollegen, darunter Jack Ma von Alibaba und Colin Huang, der Gründer von PDD, haben ebenfalls aktive Rollen in ihren Unternehmen abgegeben. Für Zhang bedeutet das nicht den Rückzug aus dem Unternehmertum, sondern eine andere Form der Kontrolle: Er bleibt größter Anteilseigner und profitiert von der Wertentwicklung, während das operative Management die Konzernstrategie umsetzt.
ByteDance als KI-Konzern
In China zählt ByteDance inzwischen zu den führenden Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Der KI-Chatbot Doubao hat 75 Millionen aktive Nutzer. Das Unternehmen wirbt damit, dass sein früheres Modell um 85 Prozent billiger ist als der Durchschnittspreis in der Branche, ähnlich wie bei DeepSeek. Dieser Preiswettbewerb ist bedeutsam: KI-Modelle werden zunehmend zu einer Infrastruktur, die große Plattformen für Suche, Werbung, Content-Empfehlungen und Produktivitätsanwendungen benötigen. ByteDance kann seine KI-Forschung mit den Daten und der Reichweite seiner bestehenden Apps verbinden – ein Vorteil, den reine Modellanbieter nicht haben.
Die Bewertung des Konzerns hängt deshalb nicht nur an TikTok. Investoren schauen auf mehrere Säulen: Werbung in China, E-Commerce, Live-Streaming, Unterhaltung, KI-Dienste und das internationale Wachstum. Der Rückkauf von Mitarbeiteraktien zu einer Bewertung von 312 Milliarden Dollar zeigt, dass ByteDance selbst großes Vertrauen in die eigene Zukunft hat. Der Durchschnittswert von 365 Milliarden Dollar aus vier Bewertungsansätzen macht deutlich, wie stark die Einschätzungen auseinanderliegen. Genau diese Spanne erklärt, warum Zhangs Vermögen binnen kurzer Zeit um mehr als zehn Milliarden Dollar steigen konnte, ohne dass ein einziges neues Produkt weltweit gestartet wurde.
Politische Risiken bleiben der größte Unsicherheitsfaktor
Für Zhang ist der Aufstieg zum reichsten Chinesen eine bemerkenswerte Wendung. In den vergangenen Jahren wurde ein Verbot von TikTok in den USA angedroht, und das größte Plattenlabel der Welt zog seine Musik zeitweise von der Plattform ab. Beide Konflikte zeigen, wie verwundbar ein digitales Imperium ist, das auf Nutzerdaten, Urheberrechten und politischer Duldung beruht. Die Frist bis zum 5. April und die Diskussion über Oracle, Sicherheitsgarantien und mögliche Zollzugeständnisse machen deutlich, dass die Zukunft von TikTok nicht allein im Silicon Valley oder in Peking entschieden wird, sondern in einem komplizierten Dreieck aus Wirtschaft, Sicherheitspolitik und Wahlkampf.
Das Vermögen von Zhang Yiming bleibt daher eng mit einer einzigen Frage verbunden: Wie viel Kontrolle kann ByteDance über seine wichtigste internationale Plattform behalten, während Washington und Peking ihre Interessen durchsetzen? Die Rankings mögen tagesaktuell sein, doch die Bewertung von ByteDance reagiert auf jede politische Nachricht. Der 41-Jährige steht damit für eine neue Generation chinesischer Tech-Unternehmer: global denkend, KI-getrieben und reich geworden durch Plattformen, die weit über China hinausreichen. Die Liste der reichsten Chinesen hat sich verändert, weil sich die Quelle des Reichtums verändert hat – von Konsumgütern und klassischem Internet zu einer globalen Aufmerksamkeitsökonomie, deren Regeln noch ausgehandelt werden.
Source: Die Presse News