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Weniger Öl zum Kochen: Indiens Premier Modi schwört Bevölkerung auf ein hartes Jahr ein

May 16, 2026  Twila Rosenbaum  6 views
Weniger Öl zum Kochen: Indiens Premier Modi schwört Bevölkerung auf ein hartes Jahr ein

Seit mehr als zwei Monaten ist die Straße von Hormus gesperrt – eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Die Blockade, eine direkte Folge eskalierender militärischer Auseinandersetzungen im Iran-Krieg, hat auf den globalen Energiemärkten gewaltige Turbulenzen ausgelöst. Der saudi-arabische Ölkonzern Saudi Aramco schätzte am Wochenende, dass weltweit inzwischen rund eine Milliarde Barrel Öl (je 159 Liter) fehlen. Diese Zahl verdeutlicht das Ausmaß der Krise, die sich von Afrika über Europa bis nach Asien ausbreitet.

Besonders hart trifft die Krise Indien. Das bevölkerungsreichste Land der Welt ist zugleich der drittgrößte Ölimporteur weltweit. 90 Prozent seines Ölbedarfs und 60 Prozent seines Bedarfs an Flüssiggas (LPG), das vor allem zum Kochen verwendet wird, deckt Indien traditionell durch Einfuhren ab – ein Großteil davon kommt durch die derzeit blockierte Meerenge. Das Gas wird in Millionen von Haushalten täglich genutzt, insbesondere in ländlichen Gebieten und in städtischen Slums. Der Preisanstieg für LPG hat bereits dazu geführt, dass viele Familien auf günstigere, aber gesundheitsschädliche Brennstoffe wie Holz oder Kerosin zurückgreifen.

Modis Appell an die Nation

Premierminister Narendra Modi, dessen hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) zuletzt wichtige Regionalwahlsiege feiern konnte, schwört die Bevölkerung deswegen auf ein hartes Jahr ein. In einer landesweit übertragenen Rede am Montag forderte er drastische Einschnitte im Alltag. „Benzin- und Dieselverbrauch müssen dringend sinken“, sagte er. „Jeder Tropfen zählt.“ Seine Vorschläge sind konkret: Die Bürger sollen verstärkt öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Fahrgemeinschaften bilden und auf Elektrofahrzeuge umsteigen. Arbeitnehmer ermuntert Modi, mehr von zu Hause aus zu arbeiten und Dienstreisen durch Videokonferenzen zu ersetzen.

Besonders bemerkenswert ist der Appell an die Landwirte. Modi forderte sie auf, den Einsatz chemischer Düngemittel zu halbieren und stärker auf natürliche Anbaumethoden zu setzen. Die Hormus-Blockade hat nicht nur den Ölmarkt getroffen, sondern auch eine schwere Düngerkrise ausgelöst, da Indien große Mengen an Stickstoff- und Phosphatdüngern importiert, die über die Meerenge verschifft werden. Ein Ausweichen auf alternative Anbieter ist kurzfristig kaum möglich, da die weltweite Nachfrage das Angebot übersteigt.

Patrioten sparen Öl – auch in der Küche

Der Sparkurs geht jedoch weit über den Verkehrssektor hinaus. Bereits am Sonntag appellierte Modi in seiner bisher eindringlichsten Rede seit Kriegsbeginn an die Bevölkerung, auch den Ernährungsplan anzupassen. Konkret forderte er, zehn Prozent weniger Speiseöl beim Kochen zu verwenden. „Wenn jeder Haushalt seinen Verbrauch reduziert, ist das ein großer Beitrag zum Vaterland“, sagte der Premier. In einem Land, in dem frittierte Snacks und ölreiche Currys täglich auf den Tisch kommen, ist das ein einschneidender Eingriff in die Esskultur.

Doch Modis Maßnahmenkatalog endet nicht in der Küche. Er rief die Inder auf, für mindestens ein Jahr auf Auslandsreisen zu verzichten – auch auf Hochzeiten im Ausland. „Es gibt viele Orte in Indien, die einen Besuch wert sind“, betonte er, um den Tourismus im eigenen Land zu fördern und Devisenabflüsse zu stoppen. Ebenso sollen Goldkäufe für ein Jahr ausgesetzt werden. Das Edelmetall wird auf dem Subkontinent traditionell in großen Mengen für Hochzeiten erworben und größtenteils importiert. Ziel dieser Maßnahmen ist es, die Devisenreserven Indiens zu schützen und den Druck auf die angeschlagene Landeswährung zu mindern. Die Indische Rupie hat gegenüber dem US-Dollar zuletzt stark verloren, was Importe noch teurer macht.

Soziale Verwerfungen und Abwanderung

Trotz der angespannten Lage gehört Indien zu den wenigen Ländern der Region, die bislang weder Treibstoff rationiert noch die Preise an Tankstellen drastisch erhöht haben. Die Verluste werden vorerst von staatlichen Ölkonzernen getragen. Dennoch spüren die Menschen die Folgen des Krieges massiv – vor allem durch steigende Lebensmittelpreise und das bereits deutlich verteuerte Kochgas. In den Städten haben sich lange Schlangen vor Gasflaschen-Läden gebildet, und auf den Märkten sind Grundnahrungsmittel wie Reis, Linsen und Gemüse um bis zu 20 Prozent teurer geworden.

Diese Entwicklung hat gravierende soziale Folgen. Viele Fabrikarbeiter, die schon vor Kriegsausbruch kaum über die Runden kamen, verlassen derzeit die Städte und kehren in ihre Heimatdörfer zurück. Dort sind die Lebenshaltungskosten niedriger, und staatliche Hilfen wie subventionierte Lebensmittel erreichen sie leichter. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch eine Arbeitsrechtsaktivistin schätzt in der Financial Times, dass die Zahl der Abwandernden „in die Hunderttausenden“ geht. Es erinnert an die Massenexodus während der Corona-Pandemie im Jahr 2020, als Millionen wandernder Arbeiter zu Fuß in ihre Dörfer zogen. Damals war es ein Virus, heute ist es eine globale Energiekrise, die die ärmsten Schichten Indiens am härtesten trifft.

Die langfristigen Auswirkungen der Krise sind noch nicht absehbar. Wirtschaftsexperten warnen, dass ein anhaltender Energiemangel das indische Wachstum von derzeit etwa sechs Prozent drastisch abbremsen könnte. Indiens Regierung versucht gegenzusteuern, unter anderem durch strategische Ölreserven, doch diese reichen nur für wenige Wochen. Verhandlungen mit anderen Ölproduzenten wie Russland und den USA laufen, doch beide Länder sind selbst mit den Folgen der Hormus-Blockade beschäftigt. Modis Appell an die Nation ist daher nicht nur eine patriotische Geste, sondern eine Notwendigkeit, um das Land durch die schwerste Energiekrise seit der Ölkrise von 1973 zu navigieren.

Die Geschichte wird zeigen, ob die Inder bereit sind, ihren Lebensstil so grundlegend zu ändern. In einem Land, in dem der Puls der Wirtschaft in den Städten schlägt und der Traum vom eigenen Auto oder der großen Hochzeit tief verwurzelt ist, scheint der Verzicht wie ein Kulturbruch. Doch nach Modis Rede ist eines klar: Die kommenden Monate werden für jeden Inder eine Zumutung – oder eine Bewährungsprobe für den Zusammenhalt der Nation.


Source: Kurier News


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