Verschwunden und wieder aufgetaucht: Jack Mas erster öffentlicher Auftritt seit Oktober
Jack Ma, der legendäre Gründer des chinesischen Online-Versandhauses Alibaba, ist wieder in der Öffentlichkeit präsent. Der 56-jährige Milliardär, dessen Vermögen auf rund 39 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, zeigte sich am 20. Januar 2021 per Videoschaltung an einer Veranstaltung seiner Stiftung. Dabei wandte er sich an rund 100 Lehrer aus ländlichen Regionen – eine Gruppe, die seit jeher im Fokus seines karitativen Engagements steht. Es war sein erster öffentlicher Auftritt seit Oktober 2020, als er in einer Rede die strenge Finanzregulierung des Landes kritisiert hatte.
Jack Mas Verschwinden hatte international für erhebliche Spekulationen gesorgt. Nachdem der Unternehmer Ende Oktober 2020 auf einer Konferenz in Shanghai ungewöhnlich scharfe Kritik am chinesischen Finanzsystem geübt hatte, war er von der Bildfläche verschwunden. Keine öffentlichen Auftritte, keine Social-Media-Posts, kein Lebenszeichen – das Schweigen dauerte fast drei Monate. In dieser Zeit mehrten sich die Gerüchte, dass Ma von der Kommunistischen Partei Chinas zum Schweigen gebracht worden sei oder sich in einer Art Hausarrest befinde.
Hintergrund: Jack Mas Aufstieg zum reichsten Chinesen
Um die Tragweite der Ereignisse zu verstehen, ist ein Blick auf Jack Mas einzigartige Karriere hilfreich. Der in Hangzhou geborene Englischlehrer startete 1999 mit 17 Freunden in seiner Wohnung das Unternehmen Alibaba. Was als einfache B2B-Plattform für den chinesischen Markt begann, entwickelte sich zu einem globalen Imperium. Alibaba Group Holding Limited umfasst heute das E-Commerce-Portal Taobao, das Bezahlsystem Alipay, die Cloud-Sparte Alibaba Cloud und unzählige weitere Dienste. Im Jahr 2014 erzielte Alibaba den damals größten Börsengang der Geschichte an der New Yorker Börse – ein Meilenstein, der Ma zur Symbolfigur des chinesischen Unternehmertums machte.
Neben Alibaba gründete Ma die Ant Group, ein Finanztechnologieunternehmen, das mit Alipay das Herzstück des digitalen Zahlungsverkehrs in China bildet. Ant Group plante für November 2020 den Börsengang in Hongkong und Shanghai – ein Vorhaben, das mit einer erwarteten Bewertung von mehr als 300 Milliarden US-Dollar der größte Börsengang aller Zeiten geworden wäre. Doch nach Jack Mas Kritik stoppten die chinesischen Behörden den Börsengang abrupt mit Verweis auf neue regulatorische Anforderungen.
Jack Mas Kritik und die Folgen für Alibaba und Ant Group
Was hatte Jack Ma genau gesagt? Auf einem Finanzforum in Shanghai Ende Oktober 2020 wetterte er gegen die aus seiner Sicht übermäßige Regulierung des chinesischen Finanzsektors. Er verglich die strengen Auflagen mit einem „schlechten Golfplatz“ und warnte davor, dass zu viel Kontrolle Innovation und Fortschritt behindere. Die Rede traf den Nerv der Behörden – und sie reagierten prompt. Nicht nur der Börsengang von Ant Group wurde gestoppt; auch Alibaba selbst geriet ins Visier der chinesischen Kartellbehörde. Wenige Wochen nach Ma's Rede leitete die Behörde eine Untersuchung wegen möglicher Monopolvergehen ein. Alibaba-Aktien verloren daraufhin innerhalb weniger Tage Milliarden an Wert.
Die Umstände von Jack Mas Verschwinden blieben unklar. Offizielle Stellen gaben keine Auskunft; lediglich in Gerüchten war zu hören, Ma sei von der Regierung vorgeladen worden und habe eine Art Selbstkritik üben müssen. Vergleichbare Fälle gab es in der jüngeren Vergangenheit mehrfach. Der chinesische Immobilienmogul Ren Zhiqiang kritisierte im Frühjahr 2020 die Corona-Politik von Präsident Xi Jinping und bezeichnete ihn indirekt als „Clown“. Ren wurde daraufhin wegen Korruption zu 18 Jahren Haft verurteilt – eine für chinesische Verhältnisse extrem harte Strafe. Die befürchtete Eskalation bei Jack Ma blieb jedoch aus.
Die Videoschaltung: Was der Milliardär zu sagen hatte
In der knapp dreiminütigen Videoschaltung, die von chinesischen Staatsmedien nicht übertragen wurde, international aber schnell die Runde machte, wirkte Jack Ma sichtlich entspannt. Er trug einen schlichten Pullover und saß vor einem neutralen Hintergrund. An die Lehrer gewandt, sagte er: „Ich habe in diesen Tagen gemeinsam mit meinen Kollegen gelernt und nachgedacht. Wir sind nun noch entschlossener, uns der Bildung und der Wohltätigkeit zu widmen.“ Ma lobte das Engagement der Pädagogen und rief dazu auf, den ländlichen Bildungsbereich weiter zu stärken. Politische Äußerungen vermied er vollständig – anders als noch im Oktober.
Seine Stiftung, die Jack Ma Foundation, setzt sich seit Jahren für Bildungsprojekte in abgelegenen Regionen Chinas ein. Der Milliardär hat mehrfach betont, dass er sich nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft von Alibaba ganz der Philanthropie widmen wolle. Bereits 2019 trat er als Vorsitzender des Alibaba-Konzerns zurück, blieb aber als Gesicht der Marke präsent. Die Frage, ob er nun wieder eine aktive Rolle im Unternehmen übernehmen wird, beantwortete die Videoschaltung nicht.
Reaktionen und Ausblick: Was bedeutet das Wiedersehen?
Die Finanzmärkte reagierten positiv auf die Nachricht von Jack Mas Auftritt. Die Aktien von Alibaba notierten in den Tagen danach leicht im Plus, auch wenn die Unsicherheit über die Kartelluntersuchung und die Zukunft von Ant Group weiterhin schwer auf dem Papier lastet. Analysten werteten das Video als Zeichen der Entspannung zwischen Ma und der Regierung – wenngleich der genaue Aufenthaltsort und die Umstände seines Verschwindens weiterhin im Dunkeln liegen. Ma selbst ließ durchblicken, dass er sich noch stärker als bisher der Wohltätigkeit widmen wolle, was als Zugeständnis an die Partei gedeutet werden könnte, die Privatpersonen davon abrät, sich politisch zu exponieren.
Andere Beobachter bleiben skeptisch. Der Fall Jack Ma zeigt exemplarisch die Ambivalenz des chinesischen Wirtschaftssystems: Einerseits fördert der Staat private Unternehmer und Innovation, andererseits werden kritische Stimmen schnell zum Schweigen gebracht. Ma's Auftritt mag zwar das operative Geschäft von Alibaba kurzfristig stabilisieren, doch die grundlegenden Spannungen zwischen Tech-Größen und der Kommunistischen Partei sind nicht gelöst. Im Herbst 2021 kündigte die Regierung zudem ein umfassendes Regulierungspaket für den Technologiesektor an, das die Geschäftsmodelle von Alibaba, Tencent und Co. grundlegend verändern könnte.
Jack Ma selbst bleibt eine schillernde Figur. Von einfachen Verhältnissen in Hangzhou zum reichsten Mann Chinas – seine Geschichte inspiriert Millionen. Doch sein plötzliches Verschwinden und die militante Zurückhaltung bei seiner Wiederkehr zeigen, dass selbst der erfolgreichste Unternehmer in China nur solange frei agieren kann, wie er sich den roten Linien der Partei unterordnet. Ob Ma diese Lektion verstanden hat, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Die internationale Gemeinschaft blickt gespannt auf die weitere Entwicklung. Während Europa und die USA die Unternehmensfreiheit in China kritisch beobachten, hofft Peking auf eine schnelle Normalisierung – schließlich ist Alibaba ein Aushängeschild des chinesischen Wirtschaftserfolgs. Jack Ma persönlich könnte mit seiner Stiftung weiterhin einen sicheren Weg gehen: Bildung und Wohltätigkeit sind Themen, die parteiübergreifend Zustimmung finden, und die ihm erlauben, sein öffentliches Engagement ohne Risiko fortzusetzen.
Source: Blick News